Zürich. Einen einzigen Satz kann man schon einmal übersehen, wenn um ihn herum so viele andere Sätze stehen. Und vielleicht war das ja auch die Intention der Fifa, als sie nach der Tagung ihres Exekutivkomitees, quasi des Ministerrats des Fußballverbandes, eine lange Pressemitteilung ausschickte, in der sie sich selbst ihrer beschlossenen Reformen rühmte.
Fast sämtliche internationalen Kommentatoren befassten sich dann auch mit den Reformen oder - je nach Sichtweise - den Reförmchen der Fifa-Strukturen, doch der Satz am Ende der Aussendung fand kaum Beachtung. Doch genau der birgt enorme Sprengkraft, in den kommenden Wochen wird mit scharfen Reaktionen zu rechnen sein. "Die Fifa-Exekutive hat beschlossen, dass die Abstellung der U23-Spieler für die Olympischen Spiele verpflichtend ist." Und das ist neu.

Das olympische Fußballturnier findet von 25. Juli bis 11. August statt, wenn die Klubs in die finale Vorbereitungsphase gehen oder, wie in der für London qualifizierten Schweiz, bereits voll im Liga-Betrieb sind. Es ist daher anzunehmen, dass sich die Vereine gegen die Anordnung der Fifa zur Wehr setzen werden.
Bei der Interessenvereinigung der europäischen Klubs ECA zeigt man sich "sehr überrascht". Das Olympia-Turnier sei nicht in den offiziellen Terminkalender aufgenommen worden, das eine Voraussetzung für die verpflichtende Abstellung von Spielern sei. "Die Entscheidung wurde jetzt, nur wenige Monate vor dem Turnier, gekippt. Und das ohne Konsultation der Klubs", schreibt die ECA auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Bei einem Meeting in München in der kommenden Woche wird das weitere Vorgehen der Vereine in dieser Frage diskutiert.
Schon vor vier Jahren, unmittelbar vor den Spielen in Peking, hatte die Fifa die Klubs angewiesen, ihre Spieler abzustellen. Der FC Barcelona wollte Lionel Messi aber nicht ziehen lassen, klagte die Fifa vor dem Sportgerichtshof in Lausanne und bekam recht. Auch Schalke und Bremen hatten sich der Klage der Katalanen angeschlossen. Trotz des juristischen Sieges ließen die drei Klubs die angeforderten Fußballer nach China reisen, und Messi konnte mit Argentinien Gold gewinnen.
Gezerre um die Spieler
Der Sportgerichtshof forderte damals in seinem Urteilsspruch beide Seiten - Klubs wie Fifa - dazu auf, bis zu den nächsten Spielen eine für alle Parteien befriedigende Lösung zu finden. Doch bis jetzt geschah genau nichts, die Situation ist daher ähnlich wie im Jahr 2008. Diesmal aber sorgte die Fifa vor, um im zu erwartenden Gezerre um die Spieler bessere Argumente als vor vier Jahren zu haben.
Denn die Statuten der Fifa sehen nicht nur eine verpflichtende Abstellung bei offiziellen Spielterminen vor, sondern auch für jene Matches, für die "auf Basis einer speziellen Entscheidung des Exekutivkomitees eine Abstellungspflicht besteht". Vor Peking hatte es die Fifa verabsäumt, ihr Gremium einen diesbezüglichen Beschluss fassen zu lassen. Dann verlor sie beim Sportgerichtshof.
Dass sich Klubs und Verband bisher nicht auf eine Linie geeinigt haben, könnte am Ende beiden schaden. Denn nicht nur einmal wurde der Fußball als olympische Sportart vom IOC angezählt, ist er doch die einzige, in der nicht die besten Athleten antreten. Und genau das ist dem IOC, der zwar einst den Amateurismus predigte, längst aber einen Elitenfetisch entwickelt hat, nicht recht. Die derzeitige Lösung mit U23-Spielern und drei ausgewählten Routiniers ist ein akzeptierter Kompromiss. Doch wenn sich Fifa und Klubs ewig weiterstreiten, könnte das IOC Konsequenzen ziehen. Und das würde die Fifa um viele Millionen bringen.