London. "Legacy" ist von Anfang an das Zauberwort für "London 2012" gewesen. Mit dem Verweis auf eine reichhaltige "legacy" kämpften die Briten 2005 um den Zuschlag für ihre Olympischen Spiele - und gewannen.

Mit "legacy" war das Erbe der Spiele, war deren Nutzen für London und für künftige Generationen an der Themse gemeint. Eben das, was von einer 17 Tage dauernden, 11 Milliarden Pfund teuren Veranstaltung von 27. Juli bis 12. August an Dauerhaftem bleiben wird, wenn die olympische Fackel erst mal erlöscht und die Mitwirkenden sich auf den Heimweg machen.
Ein Blick auf die vorangegangenen Spiele hatte die Londoner gelehrt, dass eine positive Hinterlassenschaft durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Die Spiele von Sydney zum Beispiel, im Millenniumsjahr, hinterließen mehr Probleme, als die brillanten Eröffnungs-Feierlichkeiten hätten ahnen lassen. Athen, vier Jahre später, bescherte sich selbst ein Erbe rasch zerfallender Sportstätten und Wohnanlagen - und Mammut-Schulden, an denen Griechenland heute noch zu tragen hat. Peking wiederum musste nicht allzu viel nach einem legitimen Erbe fragen. Das Boom-Land mit dem mächtigen Geltungsbedürfnis und den billigen Arbeitskräften war in der glücklichen Lage, unbefangener als andere Staaten drauflos zu investieren.
Als London sich dagegen vor sieben Jahren um seine Spiele bewarb, brauchte es - auch daheim - schon sehr viel mehr an Rechtfertigung für ein solches Unternehmen. Wiewohl 2005 von Credit Crunch, Banken-Kollaps und scharfem Wirtschaftseinbruch noch keine Rede war, war mit kostspieliger Selbstdarstellung schon damals kein Staat mehr zu machen. Der Skandal um den Bau des protzigen Millennium-Doms war vielen Briten noch in lebhafter Erinnerung.
Mehrere feierliche Versprechen untermauerten darum die Kandidatur vor sieben Jahren. Diese Spiele, versprach die britische Delegation, sollten vor allem ein von wirtschaftlichem Niedergang böse ausgeblutetes Gebiet im Osten Londons neu beleben helfen. Sie sollten ein giftiges Ödland, eine industrielle Ruinenlandschaft regenerieren und einer hoffnungslosen Bevölkerung Jobs, Wohnungen, neue Chancen kommunalen Lebens bescheren. Zugleich sollten sie in ganz Großbritannien zu mehr Sportbegeisterung an der Basis führen. Die Zahl der sporttreibenden Briten - vor allem der Jugendlichen - sollte sich in der zu erwartenden Begeisterung über London 2012 bereits im Vorfeld der Spiele mindestens verdreifachen.
Zahl der Aktiven rückläufig
Inzwischen hat sich diese Erwartung als Illusion erwiesen. Nicht nur haben junge Briten keinen neuen Enthusiasmus entwickelt. Im Gegenteil. Die drastische Sparpolitik der vergangenen Jahre auf staatlicher wie auf kommunaler Ebene hat zur Schließung zahlreicher Sportklubs und Sportgelände geführt. Allein zwischen 2007 und 2011 haben dem Sportverband "Sport England" zufolge 17 Sportarten einen spürbaren Rückgang in der Zahl derer verzeichnet, die in England mindestens einmal wöchentlich Sport treiben.

Sehr gemischt sind auch die Urteile über den vermeintlich segensreichen Charakter der Spiele für den Osten Londons. Die offiziellen Stellen bestehen darauf, dass die Räumung der chemisch verseuchten alten Firmengelände, die Begrünung weiter Flächen und die Errichtung von Sportstätten und Olympischem Dorf einen Wandel eingeleitet haben, den die Region in und um Stratford sonst kaum erlebt hätte.
Bahnhöfe, neue U-Bahn-Linien und das größte Einkaufszentrum Europas sind quasi aus dem Nichts entstanden und sollen die Grundlage für einen kompletten neuen Lebensraum bilden. 2800 Wohnungen des Olympischen Dorfs stehen zum Verkauf oder sind schon, für die Zeit nach den Spielen, verkauft worden.
Tausende weiterer Wohungen mit Geschäften, Büros, Gemeindehallen sollen in privater Initiative drum herum gebaut werden, sich sozusagen am Funken der Stratford-Initiative entzünden. Auf dem Gelände des Olympischen Parks und in der unmittelbaren Umgebung werden in den achtzehn Monaten nach dem Ende der Spiele für eine weitere halbe Milliarde Pfund öffentlicher Gelder neue Straßen angelegt, Umbauten vorgenommen und Häuser neu ausgestattet.
Stolz sind die Olympia-Verantwortlichen darauf, dass zum ersten Mal in der olympischen Geschichte vor Spielen ein regelrechtes Legacy-Unternehmen gegründet wurde. Dieses sollte die Nutzung der geschaffenen Räume für die Zeit nach den Spielen ausplanen und für einen reibungslosen Übergang sorgen.
Nicht jeder in London ist allerdings glücklich mit der entsprechenden Planung gewesen. Viele der Alteingesessenen haben die "harte Hand" beklagt, mit der gewachsene Lebensräume geopfert wurden, um die olympischen Anlagen durchzusetzen. Andere Zeitgenossen bezweifeln, dass ein künstlich geschaffener Stadtteil, der nach 2012 womöglich von einer neuen Generation wohlhabender junger City-Arbeiter bezogen wird, den noch immer armen umliegenden Gemeinden nützlich sein kann. Eher, meinen sie, verschärfe sich so der soziale Gegensatz.