London. Erst fuhr ein Kriegsschiff auf der Themse auf. Dann wurden auf Hausdächern Raketen eingerichtet. Jetzt hat die militärische Führung des Landes die Übernahme des Luftraums über London für die Dauer der Olympischen Spiele angeordnet. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg bereitet sich London auf den Ausnahmezustand vor.
Beim Schutz der weltgrößten Sportveranstaltung wollen die Organisatoren nichts dem Zufall überlassen. Natürlich sind alle Maßnahmen "nur für den schlimmsten Fall" gedacht. Für diesen Notfall aber behalten sich die Streitkräfte das Recht zur blitzschnellen Räumung des Luftraums über London vor. Im stadtnahen Militärflughafen Northolt werden Kampfjets stationiert, die potenzielle Flugzeug-Entführer oder Piloten mit finsteren Absichten vom Anflug aufs Olympia-Stadion abhalten sollen.
Auch Kampfhubschrauber, die auf der HMS Ocean in einem Themsebogen geparkt werden sollen, können für eine solche Aktion eingesetzt werden. Darüber hinaus werden im Juli Abwehrraketen installiert, und diese sind kürzlich schon einmal probeweise aufgebaut worden - und haben beträchtlichen Lärm ausgelöst.
Die Abschussrampen stehen nämlich in Wohngebieten in unmittelbarer Nähe des Stadions. Und den Anrainern hat man erst relativ spät Bescheid gesagt. Kleine Info-Zettel seien ihnen unter den Türen durchgeschoben worden, hatten erboste Bewohner berichtet. Ein Türmchen in einem alten Wohnblock im Stadtteil Tower Hamlets fanden die Militärs ideal für ihre Raketen-Stationierung. Die Bewohner dieses Blocks erwägen jetzt, für die Dauer der Spiele auf Urlaub zu gehen.
Kosten: eine Milliarde Pfund
Auch sonst stehen Polizei und Militärs praktisch Gewehr bei Fuß. Zwar sollen in den Straßen keine bis an die Zähne bewaffneten Soldaten anzutreffen sein. Die eingeplanten 13.500 Truppen-Angehörigen sind für die olympischen Sportstätten selbst vorgesehen. Mit Maschinenpistolen ausgerüstete Polizisten werden allerdings die U-Bahn sichern. Das wird ein ungewöhnlicher Anblick sein, entsprechende Patrouillen hat es bisher nur auf Flughäfen gegeben. Oder, zu Krisenzeiten, in den großen Bahnhöfen der Hauptstadt.
Mehr als eine halbe Million Touristen werden zu den Spielen erwartet. All diese Gäste, und natürlich die Sportler, sollen sich während der Mammut-Veranstaltung sicher fühlen. Keinen ausländischen Diensten, nicht mal denen aus den USA, will Scotland Yard das Tragen von Waffen gestatten. Dafür wirft Großbritannien alles an die Front, was es an Material und Mannschaften besitzt.
Scharfschützen der Royal Marines, Royal-Artillery-Kommandos, Typhoon-Piloten der Royal Air Force kommen zum Einsatz. Radar-Experten, Abhör-Agenten und simple Soldaten mit Feldstechern sind ebenfalls mit dabei. Ein "eiserner Ring" soll sich um London schließen, wie er sich zum letzten Mal in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts um die britische Hauptstadt schloss.
Eine Milliarde Pfund investiert London zur Sicherung seiner Spiele. Und manch ein Londoner hält das für verrückt. "Die Olympischen Spiele", sagt der frühere "Times"-Chefredakteur Simon Jenkins, "sind ein Festival der globalen Sicherheits-Industrie geworden - mit einem Lauf- und Hüpfwettbewerb als Beiprogramm." Zur nationalen Sicherheit trage "diese Orwell-Parodie" in keiner Weise bei, die das IOC London abverlangt habe. Als Tourismusziel stehe London leider schon auf einer Stufe mit Bagdad oder Kabul: "Das sind drei Städte, die man diesen Sommer meiden sollte."