Vor der Volljährigkeit kommt der Olympiasieg. An sich ist das nichts Neues. Sportliche Frühreife, auch im Schwimmen - und da in der Regel beim weiblichen Geschlecht – ist nicht weiter ungewöhnlich. Aber die Art und Weise, wie die erst 15-jährige Litauerin Ruta Meilutyte und die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen bei den Olympischen Spielen in London agierten, beeindruckte dann doch.

Die Armzüge wurden immer länger, der Abstand zur Führenden immer kürzer. Doch am Ende reichte es nicht. Rebecca Soni, us-amerikanische Top-Favoritin über 100 Meter Brust, musste sich mit Olympia-Silber begnügen. Einen Wimpernschlag vor ihr sahnte eine 15-Jährige den Olympiasieg ab. Ruta Meilutyte, bis London 2012 außerhalb ihrer Heimat Litauen eher ein unbeschriebenes Blatt, rettete Gold gerade so. Das erste Schwimm-Gold für ihr Land. Erfolgreichste litauische Schwimmerin aller Zeiten war die Schülerin, die in Großbritannien trainiert, schon davor. "Ich kann es nicht glauben, das ist zu viel für mich", sagte Meilutyte kurz nach dem Sensationscoup.
Bereits in Vorlauf und Semifinale war die Litauerin die Schnellste gewesen. "Ihr gehört die Zukunft", musste Soni anerkennen. Für den größten aller möglichen sportlichen Erfolge reichte für Meilutyte schon die Gegenwart. Nur der Weltrekord ist noch Zukunftsmusik, aber allzu fern scheint auch dieser nicht zu sein.
Schneller als Lochte
Ye Shiwen hat ihr das voraus. Dass bei Großereignissen Athleten aus China oft wie Phoenix aus der Asche auftauchen – daran ist man eigentlich schon gewöhnt. Aber Ye Shiwen verblüffte dann doch ein Stück mehr. Wie ein D-Zug rauschte die 16-Jährige über 400 Meter Lagen auf den finalen beiden Kraul-Längen an der us-amerikanischen Mitfavoritin Elizabeth Beisel vorbei. Und nicht nur das. Bei ihrem Finallauf zu Olympia-Gold und Weltrekord war sie auf der letzten Länge sogar schneller als US-Star Ryan Lochte bei dessen Erfolg über die gleiche Strecke. Yes Erklärung dafür klang simpel: "Ich habe zuletzt gut trainiert." Zum Schwimmen war sie gekommen, nachdem der Kindergärtnerin ihre großen Hände aufgefallen waren.
Während Ye ihre Erfolge auf Trainingseifer zurückführt, steht für Missy Franklin der Spaßfaktor im Vordergrund. Die 17-Jährige schwamm am Montag zu Olympia-Gold über 100 Meter Rücken. Sie ist der neue Darling im US-Team. Das musste auch Schwimm-Superstar Michael Phelps zur Kenntnis nehmen. Nach seinem Semifinallauf über 200 Meter Delfin wurde er zu allererst, statt zu seiner eigenen Performance, zu Missy Franklin befragt. Ihr gehört die Zukunft, ebenso wie Ye Shiwen und Ruta Meilutyte – aber eigentlich schon die Gegenwart. Die 13- und 14-jährigen Schwimm-Wunderkinder stehen schon in den Startlöchern.