• vom 01.08.2012, 17:37 Uhr

Olympia 2012

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Statt des befürchteten Chaos wirkt Londons Zentrum während der Spiele ausgestorben

London als Geisterstadt


Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

  • Leere U-Bahnen, Geschäfte und Lokale: Ungeahnte Auswirkungen fürs West End.

Hier stimmt was nicht! Rushhour in London, doch die Underground ist leer. Olympia hat ungeahnte Folgen für Londons Verkehr. - © Reuters

Hier stimmt was nicht! Rushhour in London, doch die Underground ist leer. Olympia hat ungeahnte Folgen für Londons Verkehr. © Reuters

London. Tagelang waren die Londoner in Bahnen und Bussen mit einer Warnung beschallt worden. Sie sollten, dröhnte es aus tausend Lautsprechern, sich vorm drohenden olympischen Verkehrschaos hüten - und den "enormen Druck aufs Verkehrsnetz" nicht noch verstärken. In der Nacht auf Mittwoch aber verschwand die Warnung so plötzlich, wie sie aufgetaucht war. In panischer Eile brachten die Londoner Verkehrsbetriebe ihren "Rat zu vernünftiger Planung" zum Verstummen. Die Lautsprecher-Aktion hatte sich als zu erfolgreich erwiesen. Mittlerweile wagen sich zahllose Londoner überhaupt nicht mehr auf die Straße, und nicht wenige arbeiten von zuhause aus - auch auf Bitten ihrer Arbeitgeber wie etwa der Stadtverwaltung.

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Es scheint, als habe ganz London beschlossen, sich für die Dauer der Spiele daheim vor dem Fernseher einzuschließen und die Stadt dem herbeigedachten Chaos zu überlassen - oder in letzter Minute noch in den Urlaub zu verschwinden. Die Folge dieser stummen Massen-Entscheidung war abzusehen. Seit dem Wochenende, seit Beginn der Spiele, ist der Besucherstrom durchs Londoner West End abgebrochen. Geschäfte, Lokale und Märkte im Zentrum der Hauptstadt haben sich zu leeren begonnen. Großen und kleinen Restaurants in Soho bleiben die Gäste aus.

Einige Gaststätten beklagen einen rekordverdächtigen Rückgang an Besuchern um 50 Prozent. Die Bühnen des West End verzeichnen einen um ein Viertel geringeren Kartenverkauf als sonst, große Touristenattraktionen der Stadt wie der Tower of London haben nicht einmal mehr halb so viel Zulauf wie im vorigen Sommer. Und die berühmten Marktstände in Covent Garden verkaufen nur noch einen Bruchteil dessen, was sie normalerweise absetzen. Viele Kleinhändler befürchten, dass die fünf Ringe das finanzielle Aus für sie bedeuten könnten.

Berichte aus allen Ecken und Enden des West End sprechen von einer "echten Krise", wie es heißt. Vom kleinsten Bratwurst-Shop, der sich vergeblich Hoffnungen auf Extra-Einnahmen machte, bis zum Earl of Bradford, dessen Porters Restaurant "katastrophale Einbußen" vermeldet, reichen die Klagen. "Wir hatten extra Nachschub besorgt und alle Urlaube gestrichen", berichtete der Inhaber einer Tandoori-Gaststätte. "Aber nicht einmal unsere regulären Gäste sind mehr erschienen."

Selbst der "Goldene Mann", ein beliebter Mime auf Covent Garden, konnte seine Enttäuschung nicht verbergen: "Es ist nichts los, die Einnahmen sind zurückgegangen." Rikscha-Fahrer in Soho wurden mit den Worten zitiert, es sei "wie ein Montag im Jänner". Der Londoner Taxifahrer-Verband berichtete, die Londoner, die sonst 90 Prozent der Kundschaft ausmachten, hätten "allesamt die Stadt verlassen - London ist die reinste Geisterstadt".

Leere Kassen statt Geldregen
Erwartungen, die zu den Spielen anreisenden ausländischen Besucher würden der Stadt einen Goldregen bescheren, haben sich bisher nicht erfüllt. Laut Verband Europäischer Reiseveranstalter halten sich zurzeit höchstens 150.000 Touristen aus aller Welt in London auf - statt der zu dieser Jahreszeit üblichen 300.000. Auswärtige Gäste haben sich offenbar von ähnlicher Angst vor olympischem Gedränge wie die Einheimischen abschrecken lassen, wofür auch überhöhte Hotelpreise gesorgt haben. Inzwischen purzeln vielerorts in der Stadt die Zimmer-Preise. Aber fürs West End kommt diese Aktion zu spät.

Nur im unmittelbaren Bereich des olympischen Geländes sind gute Geschäfte zu verzeichnen. In der neuen Westfield-Shopping-Mall in Stratford klingeln fröhlich die Kassen. Auf diesen Bereich aber beschränkt sich offenbar das Interesse der Sport-Enthusiasten. Das West End, die weitere Innenstadt, bekommt von dem Segen nicht viel ab. "Diese Leute sind eben an Sport interessiert", meint man beim Reiseveranstalter-Verband. "Die interessieren sich nicht für London."

Regierungssprecher und eine Anzahl britischer Ökonomen raten zur Geduld. London 2012 mache "im großen Stil Reklame" für die Stadt, meinen sie: Das werde sich in kommenden Jahren auszahlen. Dem Handel, dem Gaststättengewerbe und der Tourismusindustrie vor Ort bietet das in diesem olympischen Sommer wenig Trost. Sie können nur hoffen, dass die Londoner selbst sich in den kommenden Tagen wieder nach London wagen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-01 17:41:08



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Das "Olympic Stadium" kurz vor der Eröffnungszeremonie. Die offizielle App des Veranstalters - London 2012: Official Results App for the Olympic and Paralympic Games.



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