London. (man) Das chinesische Team steht bei diesen Spielen unter besonderer Beobachtung. War es vor vier Jahren in Peking noch die Rolle als Gastgeber, die für genaueres Hinsehen sorgte, sind es nun alleine die Leistungen der Sportler. Sie machen China zum Favoriten für den Gewinn der Medaillenwertung. Das bisher größte Getöse gab es um die Schwimmerin Ye Shiwen, Doppelolympiasiegerin über 200 und 400 Meter Lagen. Die 16-Jährige sorgte mit ihrem Weltrekord über die 400 Meter für offene Münder, war sie auf Teilstrecken doch schneller als Ryan Lochte und Michael Phelps, die US-Superstars. Wie eine solche Leistung und eine Steigerung um fünf Sekunden innerhalb eines Jahres möglich sei, sorgte für Diskussionen. Doping-Diskussionen, um genau zu sein.
Nach ihrem zweiten Gold am Dienstagabend wurde Ye auf der Pressekonferenz vom internationalen Reportertribunal eingehend vernommen. "Haben Sie jemals leistungssteigernde Mittel genommen? Antworten sie nur mit Ja oder Nein!", wurde sie gefragt. "Auf keinen Fall", war laut Übersetzung die Antwort der Chinesin. Die zahlreichen Fragen nach ihrer Leistungssteigerung beantwortete sie mit den Worten: "Es ist ein bisschen unfair, aber es beeinflusst mich nicht." Im chinesischen Team ist die Verärgerung über die Verdächtigungen dagegen groß. "Das zeugt von mangelndem Respekt für die Athleten und den chinesischen Schwimmsport", sagte der Chef der chinesischen Schwimmer, Xu Qi.
Das große Interesse an den Leistungen kommt nicht zuletzt daher, dass sich China anschickt, zum zweiten Mal nach Peking 2008 in überlegener Manier den Medaillenspiegel zu gewinnen. Mit vier Goldmedaillen Vorsprung auf die USA ging China in die Mittwoch-Bewerbe, die Wortmeldungen der chinesischen Offiziellen erwiesen sich bisher als Tiefstapelei. "Die USA werden das beste Land sein, und wir werden Schwierigkeiten haben, den zweiten Platz zu erreichen", kündigte Duan Shijie, der chinesische Vize-Delegationsleiter an.
Verhaltene Kritik
Danach sieht es derzeit nicht aus, neben dem Schwimmen räumten die Chinesen vor allem in traditionell starken chinesischen Sportarten wie Turmspringen, Gewichtheben und Schießen ab. Vor vier Jahren holte China 38 seiner 51 Goldmedaillen in nur sechs Sportarten: den drei Genannten sowie Tischtennis, Turnen und Badminton. Die Badminton-Spielerinnen sorgten in London zwar für Negativ-Schlagzeilen, die Tischtennis-Bewerbe sind aber wieder einmal chinesische Meisterschaften mit internationaler Beteiligung. Das Damen-Finale am Mittwoch bestritten zwei Chinesinnen.
Während in einer Sportart wie Schwimmen die Dopingverdächtigungen schnell bei der Hand sind, ist die Sache beim Schießen, Tischtennis oder Turmspringen nicht ganz so einfach. "Turmspringen ist wirklich populär in China", erklärt Yihua Li, eine ehemalige Turmspringerin, die nun als Trainerin in Kanada arbeitet. "Sie haben die besten Anlagen der Welt, und die Trainer haben am längsten Zeit, die Sportler zu trainieren." Heute würden die Athleten im Alter von drei oder vier Jahren ausgewählt werden. Außerdem würden jene Athleten, die im Turnen nicht gut genug sind, zu Turmspringern ausgebildet werden.
Die Ausbildung ruft mittlerweile aber sogar in China - wenn auch verhaltene - Kritik hervor. So erzählte etwa die Schwimmerin Lu Ying, aufgewachsen im chinesischen System, nach ihrer Silbermedaille über 100 Meter Delfin über ihre Erfahrungen während ihrer Trainingszeit in Australien: "In anderen Ländern haben die Sportler auch einmal Freizeit. Die Australier haben Spaß und nicht sofort Angst, dann im Training zu müde zu sein. Ich glaube, unsere Denkweise hat viele Grenzen."
Das lässt sich ganz allgemein in den Mannschaftssportarten ablesen. Da ist China nur in den Basketball-Turnieren, sowie bei den Frauen im Hockey und Volleyball vertreten. Realistische Medaillenchancen haben nur die Basketballerinnen und Volleyballerinnen. Auch in den am Freitag beginnenden Leichtathletik-Bewerben sind die chinesischen Hoffnungen gering. Da gab es in Peking lediglich zwei Bronzemedaillen. Und auch wenn 13 der bisher 23 Medaillen in London aus Gold waren - 2008 waren es 51 von insgesamt 100 -, scheint sich in China langsam die Überzeugung durchzusetzen, dass nicht immer nur der Sieg zählt. Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua hat das Land am Montag aufgefordert, nicht nur Goldmedaillen zu würdigen.