London. (art) Schön langsam gehen Oscar Pistorius die Fragen auf die Nerven. Immer wieder kreisen sie um die Vorteile, die er gegenüber anderen Sportlern angeblich hätte. "Niemand redet über die Nachteile", sagt er. Denn der südafrikanische Leichtathlet hat keine Unterschenkel, das ist beim Laufen für gewöhnlich nicht gerade förderlich. Doch er hat, was andere Sportler bei diesen Olympischen Spielen nicht haben: Er hat Karbonprothesen. Und eben diese würden ihm einen technischen Vorteil verschaffen, unken Kritiker.
Pistorius will sich von der Debatte jetzt, so kurz vor seinem Start bei den Olympischen Spielen, nicht ablenken lassen. "Ich bin bereit", sagt er. "Ich habe lange darauf warten müssen." Denn am Samstag ist Showtime für den "Blade Runner", wie sie den 25-Jährigen nennen, dann bestreitet Pistorius, der auch in der Staffel zu sehen sein wird, seinen 400-Meter-Vorlauf. Das Halbfinale ist das Ziel, dieses hatte er 2011 bei der WM in Daegu, seinem ersten Antreten abseits des Behindertensports, auch erreicht. Mit der Finalentscheidung wird er aber wohl nichts zu tun haben, seine Bestzeit liegt bei 45,18 Sekunden und damit knapp zwei Sekunden über dem Weltrekord.
Doch die Debatte will einfach nicht verstummen. "Ich glaube, dass die Mehrheit der Athleten gegen sein Antreten ist", sagt der deutsche Trainer Stefan Poser. Auch LeShawn Merritt, der selbst aufgrund seiner Dopingvergangenheit kein unbeschriebenes Blatt ist - er selbst argumentierte die Probe mit der Verwendung eines Penisvergrößerungsmittels -, ist unwohl dabei, seinen Titel unter anderem gegen den Mann aus Johannesburg verteidigen zu müssen. "Ich denke nicht viel darüber nach. Aber wir sprechen hier über Technologie. Und die verbessert sich jedes Jahr."
Weltweite Marke
Die Argumente der Skeptiker sind nicht neu: Pistorius könne durch den Abfederungseffekt besser die vom Boden zurückkommende Energie nützen, müsse weniger Kraft einsetzen, wodurch der Ermüdungsprozess langsamer vonstatten gehe. Das hat der deutsche Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann 2008 in einem Gutachten für den Leichtathletik-Weltverband schon festgehalten, der den vierfachen Paralympics-Olympiasieger daher für die Nicht-Behinderten-Wettkämpfe nicht zuließ. Pistorius ging vor den obersten Sportgerichtshof CAS, der die Entscheidung overrulte. Zwar widerlegte er die Punkte Brüggemanns nicht, es seien aber andere Komponenten, etwa Umwelteinflüsse und Körpergewicht, nicht berücksichtigt worden. Inwiefern Political Correctness auch eine dieser Komponenten ist, führte der CAS nicht weiter aus.
Seit damals ist Pistorius jedenfalls startberechtigt, bis zur WM 2011, bei der er mit der Staffel Silber gewann, hat er es aber nie zu internationalen Titelkämpfen geschafft. Nun betritt er mit Olympia die ganz große Bühne. Dass er dabei weniger wegen seiner sportlichen Leistungen im Rampenlicht steht denn wegen der Kontroversen um ihn und seine Prothesen, mag ihn ein bisschen stören. Geschadet hat ihm dieser Umstand jedoch nie. Er wurde zur Marke aufgebaut, zum Werbeliebling, seine Biografie zum Bestseller. Als erster Paralympics-Sportler hat er mehr als eine Million Dollar verdient, das "Times"-Magazin reihte ihn unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.
Derweil regt sich auch im Lager der Behindertensportler - wenn auch nur vereinzelt und verhalten - Unmut. Obwohl Pistorius in London auch bei den Paralympics an den Start gehen wird, werte er diese Bewegung in den Augen mancher ab, indem er den Fokus zu sehr auf die Olympischen Spiele lege. Zudem schlage er aus seiner Behinderung Profit. Der Südafrikaner selbst will das nicht so interpretiert wissen, er sei überzeugt, dass "95 Prozent der Menschen hinter mir stehen", und "glücklich, dass ich zeigen kann, zu welchen Leistungen Sportler mit Behinderung fähig sind". Leichtathletik-Ikone Ed Moses ist pragmatisch: Sein Antreten sei eine großartige Geschichte. "Und darum geht es letztlich im Sport."