London.

Es ist der 16. August 2008, ein schwüler Sommerabend in Peking. Das Feld ist hochkarätig, auch wenn US-Weltmeister Tyson Gay überraschend schon ausgeschieden ist. Aber in Usain Bolt und Asafa Powell stehen zwei Männer am Start, deren Bestleistung unter 9,75 Sekunden liegt. Bolt, ein für einen Sprinter ungewöhnlich großer und schlaksiger Mann, der ein Jahr davor nur unter echten Leichtathletik-Fans so etwas wie Ehrfurcht entlockt hat, hält mit 9,72 Sekunden den Weltrekord. Doch er kommt nicht recht aus den Startblöcken, die Konkurrenz reagiert schneller, ein über diese kurze Distanz nicht zu unterschätzender Vorteil. Er hilft freilich an diesem Abend nichts. Bolt dreht auf, macht Meter für Meter gut und schwebt scheinbar mühelos an den anderen vorbei. 20 Meter vor dem Ziel hat er schon einen derart großen Vorsprung, dass er die Hände zum Jubel ausbreitet. Die Bolt-Party kann beginnen. Kurz vor der Ziellinie blickt er sich noch einmal rasch über die Schulter, klopft sich auf die Brust, und als die Uhr stehen bleibt, steht die Anzeige auf 9,69. Olympiasieg für Usain Bolt, neuer Weltrekord.
Während Bolt im Stadion ohne jegliches Anzeichen von Ermüdung feiert, kommen die Fans im Stadion aus dem Kreischen gar nicht mehr heraus, in der Heimat feiern sie auf den Straßen von Kingston und am Strand.
Denn die Jamaikaner sind verrückt nach Leichtathletik. Schülerrennen werden besser besucht als Fußball-Bundesliga-Spiele in Österreich. Und Jamaika hat schon viele großartige Sprinter hervorgebracht, aber, so paradox es klingen mag, noch keinen Olympiasieger in der Königsdisziplin bejubelt. Ben Johnson wurde zwar ebenso wie Linford Christie und Donovan Bailey auf der Karibikinsel geboren, sie alle starteten bei ihren Siegen aber für andere Länder. Und mit Christie und Johnson ist ohnehin nicht gut zu werben, beide wurden nachträglich beziehungsweise später in ihrer Karriere des Doping-Missbrauchs überführt.