London. (art) Der große Auftritt dauerte ein paar Sekundenbruchteile. Liu Xiang, Olympiasieger von 2004 über 110 Meter Hürden und einer der größten Sporthelden Chinas, machte sich vor seinem Vorlauf bereit, katapultierte sich aus den Startblöcken, ging gleich in Führung - doch was dann folgte, ist geeignet, um als eines der größten sportlichen Dramen in die Annalen der Olympia-Geschichte einzugehen. Liu krachte in die erste Hürde und kam zu Sturz - vorbei das Rennen, vorbei der Traum einer weiteren Medaille, vorbei vor allem aber die Vision, sich für Olympia 2008 zu revanchieren.
Denn die Bilder von Peking waren jenen von Dienstag nicht unähnlich - mit dem einzigen Unterschied, dass Liu damals nach einem Fehlstart eines anderen Athleten zum Vorlauf gar nicht antreten konnte. Eine Achillessehnenverletzung war akut geworden. Minutenlang saß er danach in sich versunken auf der Bahn, die Zuschauer im Pekinger Vogelnest brachen in Tränen aus, sein Trainer und Mentor Sun Haiping schluchzte auf der Pressekonferenz ebenfalls bitterlich, das Fernsehen brachte stundenlange Sondersendungen, und tags darauf entschuldigte sich Liu bei der Nation. "Die Schmerzen waren unerträglich", sagte er.
Begehrtes Werbeobjekt
Anstatt zum Superstar der Spiele in Peking wurde Liu zum tragischen Helden. Monatelang davor hatte sich die chinesische Öffentlichkeit in beinahe hysterischer Manie auf ihn konzentriert, auf den ehemaligen Weltrekordler, den ersten männlichen Olympiasieger, den China in den klassischen Lauf-Bewerben je hervorgebracht hatte. Die Tischtennis-Armada, die Erfolge im Badminton, Wasserspringen und Turnen sind die eine Sache - wirklich weltweite Aufmerksamkeit bekommt man aber mit Olympia-Gold in der Leichtathletik. Und Liu hatte sich trefflich geeignet als Paradeathlet, mit dem man die Stärke der Sportmacht China demonstrieren wollte. Seine Goldmedaille von Athen habe "die Einstellung der Menschen, dass Asiaten keine guten Sprinter sind, geändert", sagte er danach. "Ich wollte der ganzen Welt beweisen, dass wir auch schnell laufen können." Die Chinesen waren verzückt, die Sportartikelbranche riss sich um seine Unterschrift, Liu wurde zum ersten Leichtathleten der Welt, der mehr als fünf Millionen Euro durch Werbeeinnahmen verdiente, und zum Gesicht der Spiele in Peking. In Erinnerung geblieben ist das traurige, schmerzverzerrte Gesicht.
Doch obwohl sein Trainer damals schon bekanntgab, dass die Probleme mit der Achillessehne chronischer Natur sind und Liu sie schon sechs, sieben Jahre davor herumschleppte, kam Aufgeben für ihn nicht in Frage. Nach mehr als einem Jahr Pause stieg er 2010 wieder ins Wettkampfgeschehen ein, holte Gold bei den Asienspielen und vergangenes Jahr WM-Silber in Daegu. Auch dieses Jahr verlief zunächst vielversprechend: Beim Diamond-League-Meeting in seiner Heimatstadt Shanghai blieb er in 12,97 Sekunden erstmals seit fünf Jahren unter der 13er-Marke, im Juni lief er in Oregon mit 12,87 die schnellste Zeit seiner Karriere und gleich schnell wie der Kubaner Daron Robles bei seinem Weltrekord. Dass Lius Lauf wegen zu starken Rückenwinds nicht für diese Wertung herangezogen wurde, war nur ein kleiner Schönheitsfehler und nicht weiter schlimm. "Air Liu", wie der 29-Jährige genannt wird, war wieder da, und er war bereit, die Schmach von Peking in London vergessen zu machen. Das war die Botschaft, die sein Lager unermüdlich verbreitete.
Abschied für immer?
Doch plötzlich waren sie wieder da, die Schmerzen. Schon am Montag hatte Trainer Sun "leichte Besorgnis" wegen einer Rückenverletzung und Problemen mit dem Fuß geäußert, alles in allem aber noch Zuversicht versprüht. Ob es diese Verletzungen waren, die Liu nun behinderten, oder doch der Druck, es noch einmal beweisen zu müssen, ist ebenso Gegenstand von Spekulation wie die Frage, ob es das nun mit der Karriere eines der größten und populärsten Sportler Chinas gewesen ist.
Sein Abschied von der Bahn sah jedenfalls wie ein Abschied vom Sport aus, der in den vergangenen zehn Jahren sein unumstrittener Lebensmittelpunkt war. Nach seinem Sturz raffte er sich auf, humpelte dem Ziel entgegen, blieb vor der letzten Hürde stehen und beugte sich andächtig und wehmütig auf sie hinunter. Dann stützte er sich auf die längst im Ziel befindlichen Konkurrenten und ließ sich anschließend mit dem Rollstuhl aus dem Stadion abtransportieren. Es werden vielleicht die letzten Bilder einer ruhmreichen, aber auch tragischen Karriere gewesen sein.