New York. Die Amerikaner lieben Stephen Colbert. Seine Spätabendsendung "Colbert Report" gehört seit vielen Jahren zu den beliebtesten Comedysendungen im US-Fernsehen, und das aus gutem Grund. Colbert schafft es mit seiner Satire, stets den Finger genau auf die wunden Punkte der nationalen Nachrichtenproduktion zu legen.

Auch in der vergangenen Woche, der ersten der Olympischen Spiele. Die USA und China lagen im Medaillenvergleich an jenem Tag gleichauf, mit einem leichten Vorteil für China in der Goldabteilung. Dafür hatte Colbert eine plausible Erklärung bereit: "Die USA müssen jedes Gold gleich an China abgeben, um unsere nationalen Schulden zu begleichen." Mittlerweile hat China leicht die Oberhand im Medaillenspiegel.
Aus Gründen, die weit jenseits des Sports liegen, geraten die Olympischen Spiele aus US-Perspektive immer mehr zum Aufeinandertreffen der Supermächte. Wie in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges stehen jedes Mal, wenn chinesische Athleten gegen amerikanische antreten, die Systeme auf dem Prüfstand.
So hatte der Olympiasender NBC ein Vorrundenspiel im Frauenwasserball zwischen China und den USA in voller Länge gezeigt, auch wenn der Sport in den Vereinigten Staaten kaum bekannt ist. Hauptsache China. Und Hauptsache ein Sieg, denn die USA gewannen die Partie mit 7:6. Der Erfolg der amerikanischen Basketballdamen gegen jene aus China wurde freudig als "Lehrstunde" bezeichnet. Doch am deutlichsten traten die Animositäten freilich in der Kontroverse um die junge chinesische Wunderschwimmerin Ye Shiwen zutage. Tagelang beherrschte das Thema die Berichterstattung, nachdem ein amerikanischer Trainer dem Teenager Doping unterstellt hatte. Als die chinesischen Schwimmoffiziellen konterten, die Leistungen von Michael Phelps würden genauso viele Fragen aufwerfen - der erfolgreichste Olympionike war bei seinem ersten Weltrekord sogar 15 Jahre alt -, wurde dies hingegen als billige Retourkutsche abgetan.
Fox News hat Sorgen
Wenn Patriotismus zum Thema wird, ist Fox News, der konservative Nachrichtensender von Rupert Murdoch, gleich dabei. In der Sendung "America live" wurde die Auswahl des Kostüms von Gabby Douglas, der Mehrkampf-Olympiasiegerin kritisiert. Sie trat in Pink auf, was von Fox News als unpatriotisches Statement interpretiert wurde. Allgegenwärtig sind nach wie vor die Bilder von Mary Lou Retton, die in Los Angeles 1984 im Stars-and-Stripes-Outfit zur Goldmedaille turnte und die Nation rührte. Seit damals ist der Turnsport in den USA populär.
"Was ist denn falsch daran, seinen Stolz zu zeigen", fragte der in die Sendung eingeladene Radiomoderator David Webb, der die Entscheidung, neutrale Kleidung zu tragen, als "eine Art leichtes, anti-amerikanisches Gefühl" bezeichnete, wonach "Amerikaner ihre Außergewöhnlichkeit nicht zur Schau stellen dürfen".
Mindestens ebenso wie der Prestigekampf der Nationen erhitzt aber auch das Übertragungsmonopol des Fernsehnetzwerks NBC die Gemüter der Olympiafans. NBC hat für 4,68 Milliarden Dollar (3,78 Milliarden Euro) die olympischen Senderechte bis 2020 erworben und wacht entsprechend streng über die Verbreitung olympischer Bilder.
Weil die Hauptereignisse erst als Aufzeichnung im Abendprogramm gezeigt werden, können Amerikaner deshalb große Entscheidungen oft erst Stunden nach dem Rest der Welt sehen. Als NBC in der ersten Woche in einem Werbespot für ein Interview mit "Olympiasiegerin Missy Franklin" warb, bevor die Zuschauer ihren Olympiasieg auch gesehen hatten, hagelte es deshalb hämische Kommentare. "NBC zeigt Amerika den Mittelfinger", schrieb etwa der Kommentator des Sportnachrichtenportals ESPN. Das Olympiaerlebnis, so das Portal, werde doch deutlich getrübt, wenn man aus den verschiedensten Quellen bereits die Ergebnisse kennt, bevor man die Bilder zu sehen bekommt.
NBC mit kleiner Peinlichkeit
Den Quoten hat das allerdings nicht geschadet. NBC hat seit Beginn regelmäßig mehr als 30 Millionen Zuschauer pro Abend. Die Werbeeinnahmen haben nach Angaben des Senders bereits eine Milliarde Dollar überschritten. Allerdings hat sich NBC auch einen peinlichen Fauxpas geleistet. Unmittelbar nach dem überraschenden Mehrkampf-Gold durch Gabby Douglas, eine afroamerikanische Turnerin, spielte der Sender einen Clip ein, der einen Affen beim Turnen zeigte. Es war eine Vorschau auf eine Sitcom-Serie. Auf Twitter ging aber sofort ein Sturm der Empörung los, Zuschauer unterstellten NBC Rassismus. Der Sender musste sich für den schlecht getimten Werbespot entschuldigen. "Natürlich wollten wir niemanden verletzen."