London. (sir) Die Tschechen und Ungarn, die Belgier und Schweden, die Jugoslawen und Sowjets, die Nigerianer und Kameruner, die Uruguayer und Argentinier. Sie alle waren schon Olympiasieger im Fußball, und sogar Österreich kommt hier auf eine Silbermedaille aus dem Jahr 1936. Man muss die Ahnengalerie des olympischen Turniers schon weit nach unten durcharbeiten, bis erstmals Brasilien auftaucht: Platz zwei in Los Angeles 1984, angeführt von einem damals 21-jährigen Dunga.

Eine weitere Silber- sowie zwei Bronzemedaillen sind seither dazugekommen, doch Brasilien, das je fünfmal Weltmeister bei den Großen und Kleinen (U20) war, hat noch nie Gold nach Hause mitnehmen können. Mit der Zeit ist diese Tatsache den Brasilianern derart unangenehm geworden, dass sie ihre Olympiamannschaften ziemlich aufmagaziniert haben. 1996 standen Ronaldo, Roberto Carlos, Rivaldo, Bebeto und Zé Elias im Kader, doch Brasilien unterlag im Halbfinale Nigeria. Später kamen auch Robinho, Ronaldinho, Diego oder Lúcio zu olympischen Einsätzen - aber wieder nichts. Maximal Rang drei schaute in den vergangenen Jahren heraus, für Olympia 2004 in Athen war Brasilien nicht einmal qualifiziert.
Auch wenn London 2012 bisher für das Land nicht unbedingt nach Wunsch verlaufen ist, die Medaillenausbeute leicht unter dem Niveau vergangener Spiele liegt, läuft im Fußball bisher alles nach Plan. Mit einem überzeugenden 3:1 im Halbfinale gegen Südkorea steht Brasilien zum insgesamt dritten Mal und erstmals nach 1988 wieder in einem Endspiel. Gegner dort am Samstag ist Mexiko, das Japan ebenfalls mit 3:1 schlagen konnte.
Und es ist wahrlich ein Plan, mit dem Brasilien in diesem Jahr angetreten ist. Denn der Trainer ist auch der Teamchef des A-Nationalteams Mano Menezes. Er hat in den Länderspielen in diesem Jahr fast ausschließlich die Olympia-Spieler, die bis auf drei Ausnahmen maximal 23 Jahre alt sein dürfen, eingesetzt, weshalb nun ein junges, aber schon erfahrenes Team um Gold kämpft. Bis auf die Torhüter haben alle Spieler bereits Länderspieleinsätze gehabt.
Ein Team mit Zukunft
In den kommenden zwei Jahren soll dieses Team auch in Richtung WM in Brasilien weiterentwickelt werden, ergänzt durch ein paar Stars wie Dani Alves, David Luiz und Robinho. Doch der große Stamm des künftigen WM-Teams ist bereits in London zu sehen. Umso wichtiger wäre für Brasilien ein Erfolg, Menezes hätte sonst Erklärungsbedarf.
Der Star der Mannschaft ist auch jener Spieler, der in zwei Jahren das Gesicht der Weltmeisterschaft werden soll: Neymar da Silva Santos Júnior vom FC Santos. Drei Treffer hat er bisher erzielt, fünf Tore schoss der ebenfalls noch in Brasilien tätige Leandro Damião. Doch selbst in dieser erweiterten Nachwuchsmannschaft sind fast alle Spieler bei europäischen Top-Klubs beschäftigt, bei Milan, Porto, Chelsea, Real, Inter oder Manchester United.
"Wir müssen noch einen Schritt tun", sagte Menezes nach dem überzeugenden Auftritt gegen Südkorea, bei dem wieder einmal Neymar seine Außergewöhnlichkeit offenbart hat. Der von Real und Barcelona umworbene Angreifer ist mit dem Ball am Fuß vielleicht noch flinker, als es Lionel Messi ist. Am Samstag (20.45 Uhr) spielt Brasilien nun im großen Finale in Wembley gegen Mexiko. "Bringt das Gold heim", fordert die Tageszeitung "O Globo".
Schon am Donnerstag (20.45 Uhr) bestreiten die Frauen - auch in Wembley - ihr Endspiel. Dabei kommt es zur Wiederauflage des WM-Finales zwischen Japan und den USA. Vor einem Jahr konnten die Japanerinnen um Weltfußballerin Homare Sawa in einem packenden Spiel zweimal eine Führung der Amerikanerinnen ausgleichen, um dann im Elferschießen den Sieg davonzutragen. Diesmal ist Japan noch souveräner ins Endspiel vorgedrungen, Brasilien und die aufstrebenden Französinnen wurden mit 2:0 und 2:1 bezwungen.