London. (art) Vor wenigen Wochen hatte Ashton Eaton ein besonderes Erlebnis. In Marburg, wo er sich abgeschieden vom Rummel im US-Trainingscamp auf die Spiele vorbereitete, fand gerade eine Galaveranstaltung anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums des olympischen Zehnkampfs statt, Eaton war natürlich dabei, neben anderen Größen, die der Sport hervorgebracht hat. Man dinierte, plauderte und sah sich einen Film mit historischen Momenten an. "Die ganze Zehnkampfgeschichte so kurz vor den Spielen hautnah zu erleben, gibt mir ungeheuer viel Kraft", sagte Eaton. "Jetzt bin ich mir erst so richtig bewusst, dass ich in London nicht nur für mich, sondern für eine ganze Disziplin kämpfe."

Eaton gibt viel auf solche Begebenheiten, auf die scheinbar kleinen Momente mit großer spiritueller Bedeutung. Die Energie für seinen Weltrekord-Wettkampf bei den US-Trials im Juni, als er die elf Jahre alte Bestmarke des Tschechen Roman Sebrle um 13 Punkte überbot und als erst zweiter Mensch überhaupt über die 9000er-Marke kam, habe er aus einem Gedicht bezogen, das ihm seine Großmutter zur Kenntnis gebracht hat, erzählte er. Das mag alles recht pathetisch klingen, doch ist nicht der Zehnkampf jene Disziplin, die am ehesten für Pathos geschaffen ist? Laufen, springen, werfen, mit den unterschiedlichsten Techniken und Geräten, das alles verteilt auf zwei Tage, die in der Früh beginnen und erst spätabends enden, da ist reichlich Platz für Dramen und Heldengeschichten. "Es ist, wie wenn man ein ganzes Leben in zwei Tagen durchlebt", sagt Eaton. "Man gewinnt, man verliert, man fällt hin und steht wieder auf. Darum gehts doch im Leben und im Zehnkampf."
Solche Aussagen sind typisch für den aktuellen Weltrekordhalter, dem nur Olympia-Gold zur absoluten Krönung fehlt. Der 24-Jährige ist kein großer Party-Gänger, er liest viel und beschäftigt sich mit Psychologie, vier Jahre lang hat er das auch studiert. Folgerichtig liegt der Reiz des Zehnkampfs für ihn auch in der mentalen Komponente begründet. "Man erreicht nie das Maximum. Das Schöne ist die Jagd nach dem Limit, nicht das Limit selbst."
Potenzial nach oben
In London jagt er nun vor allem Gold, der Weltrekord sei schön, "aber es gibt nichts Größeres als Olympia", wie er sagt. In den ersten Bewerben wurde er seiner Favoritenrolle gerecht, die 100 Meter gewann er in neuem olympischen Rekord von 10,35 Sekunden, im Weitsprung landete er auf 8,03 Metern und damit rund vierzig Zentimeter weiter als die Konkurrenz. Nach dem dritten Bewerb, dem Kugelstoßen, lag er mit 2848 Punkten klar vor seinem US-Landsmann und schärfsten Konkurrenten Trey Hardee (Hochsprung und 400 Meter nach Redaktionsschluss).