London/Addis Abeba. (ph/art) Blickt man auf die Siegerlisten der großen internationalen Marathon-Veranstaltungen, fällt eines sofort auf: Zumeist handelt es sich um kenianisch-äthiopische Duelle, bei denen die anderen halt auch mitmachen dürfen. Im Olympia-Marathon, der am Sonntag (12 Uhr MESZ) den abschließenden Höhepunkt der Spiele in London bildet, ist das anders. Zwar gewann vor vier Jahren in dem mittlerweile verstorbenen Samuel Wanjiru ein Kenianer, die zweite große Langstreckennation wartet aber seit den Sechzigerjahren auf olympisches Marathon-Gold bei den Männern. Was dem großen, kleinen Haile Gebrselassie, der sonst so ziemlich alles abgeräumt hat, was es zu gewinnen gibt, und lange den Weltrekord über die 42,195 Kilometer hielt, nie vergönnt war, sollen in Abwesenheit des mittlerweile 39-jährigen und nicht für London qualifizierten Altmeisters seine Nachfolger schaffen. Doch die Konkurrenz ist hart - vor allem jene aus Kenia.

Wilson Kipsang Kiprotich führt in Abwesenheit des Weltrekordlers Patrick Makau mit seiner Bestzeit von 2:03:42 Stunden, der zweitschnellsten Zeit über die Marathon-Distanz, das starke kenianische Aufgebot an. Er hat heuer auch den Marathon in London gewonnen und gilt so als einer der großen Gejagten. Äthiopien wiederum erhofft sich einiges von Ayele Abshero, der im Jänner in Dubai mit 2:04:23 Stunden die schnellste Zeit der Geschichte eines Debütanten erzielt hatte, komplettiert wird das Team von Getu Feleke und Dino Sefir, der auch eine Bestzeit unter 2:05 Stunden zu Buche stehen hat.
In London sammelten die Läufer beider Länder bis Freitag schon eifrig Medaillen: Von den insgesamt sieben kenianischen waren jene von David Rushida über 800 Meter in Weltrekordzeit und Ezekiel Kemboi, der übrigens danach seinen Wechsel ins Marathon-Lager bekanntgab, über 3000 Meter Hindernis aus Gold. Für Äthiopien gab es Olympiasiege bei den Frauen über 10.000 Meter und im Marathon durch die Favoritin Tiki Gelana. Dass es für Kenenisa Bekele, den Sieger von 2004 und 2008, diesmal zu keiner Medaille reichte, war ein kleiner Schönheitsfehler, den Bekele aber nicht allzu tragisch nimmt. Zum einen ging Bronze an seinen Bruder Tariku, zum anderen sagt er: "Ich bin erst 30 Jahre und alt und habe noch viel Zeit, so erfolgreich wie Haile Gebrselassie zu werden."
Gebrselassie allgegenwärtig
Dessen Schatten ist auch in London im Team seines Heimatlandes allgegenwärtig, denn auch wenn er gegen die jüngeren Läufer in der Qualifikation sowohl im Marathon als auch über 10.000 Meter letztlich keine Chance hatte, ist er so etwas wie ihr geistiger Vater. Und wenn Laufen als eine Art Religion gilt, ist die ewig lächelnde Legende so etwas wie ihr Prophet. Seine Nicht-Qualifikation tut der quasireligiösen Heldenverehrung keinen Abbruch.