• vom 26.08.2011, 19:54 Uhr

Platten der 60er/70er Jahre

Update: 11.08.2016, 15:47 Uhr

1971

Finsterer Abgang eines Jahrgangs




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Von Bernhard Torsch

  • Die besten Platten des Jahres 1971, u.a. von Doors, Rolling Stones, David Bowie, John Lennon und Leonard Cohen, waren großteils dunkle Meilensteine.

1971 war auch ein Jahr der Ausschweifungen . . .

1971 war auch ein Jahr der Ausschweifungen . . .© Christian Berger 1971 war auch ein Jahr der Ausschweifungen . . .© Christian Berger

Vor 40 Jahren war der Rock’n’Roll noch lange nicht tot, er begann ganz im Gegenteil erst damit, sich so richtig zu dem aufzuplustern, was wir heute als "Rockzirkus" bezeichnen: ein Multimillionen-Business mit vollgefüllten, riesigen Konzerthallen, dekadenten Ausschweifungen, alten Großstars und neuen Talenten. Manche Sterne verglühten und andere gingen gerade erst auf. Die "Wiener Zeitung" hört sich die zehn besten Platten von 1971 noch einmal an. 

The Who: "Who’s Next?"


Nach "Tommy" wollte Who-Mastermind Pete Townshend eine völlig neue Form der Rockoper entwickeln: das "Lifehouse"-Projekt, bei dem, so der größenwahnsinnige Plan, Computerprogramme die Persönlichkeiten von Konzertbesuchern in Töne verwandeln sollten, um so eine "Kakophonie des Nirvana" zu erzeugen. Townshend, damals unter dem Dauereinfluss von Heroin, Speed und diversen Gurus stehend, gelang es freilich nicht, ein nachvollziehbares Konzept auf die Beine zu stellen. Einen Nervenzusammenbruch später beschloss die Band, die bereits komponierten Songs in einem konventionellen Album zu verwursten. Und was für ein Album das wurde! "Who’s Next" ist die Platte, anhand derer man in 50 Jahren Musikstudenten erläutern wird, was das damals gewesen ist, diese Rockmusik, von der ein paar Greise immer noch schwärmen. Von der schmachtenden Ich-bin-eigentlich-sensibel-Ballade "Behind Blue Eyes" bis zum Testosteron- und Feedbackoverkill "Won’t Get Fooled Again"- alles da, wovon sich Generationen Heranwachsender angesprochen fühlten.

Led Zeppelin: "IV"

Der vierte Streich der fidelen Satanisten war auch deren künstlerisch beständigster und kommerziell erfolgreichster. Überlebensgroß stapfen hier die Songs einher, wie geschrieben, um das Genre des Stadionrock zu definieren ("Black Dog"), aber auch geerdet genug, um das Tanzbein zu animieren ("Rock And Roll"), verführerisch genug, um den Teufel einen guten Mann zu heißen ("Stairway To Heaven"), und fast trotzig beweisend, dass man auch als Schwermetaller guten Folkrock spielen kann ("The Battle Of Evermore"). Das Aufklappcover mit mächtig mystischen Symbolen und einer Zeichnung, die, vertikal gestellt und in einem Spiegel betrachtet, allerlei Rätselspaß bot, beweist bis heute die sensorische Überlegenheit des Vinly über die CD und das böse MP3 und trug wohl neben der Musik dazu bei, dass diese LP die dritterfolgreichste aller Zeiten wurde (nach Michael Jacksons "Thriller" und den "Greatest Hits" der Eagles).

The Doors: "L.A. Woman"

Das einstige Sexsymbol Jim Morrison hatte bewiesen, dass man, entsprechende Lebensweise vorausgesetzt, auch mit 27 schon aussehen und klingen konnte wie ein 50-jähriger Schwerstalkoholiker, aber genau das machte den Schwanengesang der Doors zu einem Statement, das bis heute nachhallt, denn die Essenz dieser Band war immer das radikale Dagegensein, das Liebäugeln mit dem Tod und der Bezug auf den romantischen Mystizismus des Blues. Und "L.A. Woman" war die bluesigste und düsterste aller Doorsplatten. Morrison starb nur drei Monate nach ihrer Veröffentlichung, aber kann es einen feineren musikalischen Abschied geben als das dunkel brodelnde, angejazzte "Riders On The Storm"?

The Rolling Stones: "Sticky Fingers"

Wie der Musik gewordene Albtraum der politisch Korrekten kam diese Scheibe über die frühen 1970er Jahre. Schon in der Eröffnungsnummer fällt Jagger und Richards zum Thema Sklaverei in Amerika ausgerechnet ein Sadomaso-Bezug ein ("Scarred old slaver, he’s doing alright / Hear him whip the women just around midnight"), und "Brown Sugar" meint sowohl schwarze Frauen, als auch Heroin. Macht aber nix, denn musikalisch ist dieser Longplayer einer der besten, den die Stones je auf den Markt gebracht haben, was nicht zuletzt an der Gitarrenarbeit von Mick Taylor liegt, der hier erstmals den dahingeschiedenen Brian Jones ersetzen durfte. So kompetent wie in dieser Phase sollten die Stones nie wieder spielen. Ach ja, Mick Jagger hat sich die menschliche wie ökonomische Sauerei geleistet, den von Marianne Faithful mitgeschriebenen Song "Sister Morphine" ganz sich selbst zuzurechnen. Dadurch entgingen der Dame, die das Geld damals gut brauchen hätte können, ein paar hunderttausend Dollar. Aber wenn man den Meisterrocker "Can’t You Hear Me Knocking" aus den Boxen krachen hört, kümmert einen auch das nicht mehr besonders.

David Bowie: "Hunky Dory"

Apropos politisch unkorrekt. In diesem für die Glamrock-Ära stilprägenden Werk spielt Bowie gleich mehrmals mit dem ideologischen Feuer, schwärmt von "Übermenschen" ebenso wie von "Himmlers heiligem Traum". Doch man kann Entwarnung geben, denn das war kalkulierte Provokation zum Zwecke des Auffallens um fast jeden Preis, und die "Übermenschen", die Bowie im Sinn hatte, waren, wie andere Lieder der Platte zeigen, Bob Dylan und Andy Warhol, also so ziemlich die Gegenstücke zu dem, was sich die Nazis als Ideal vorgestellt hatten. Musikalisch wandert Bowie auf den Spuren der großen Velvet Underground, jedoch mit der Autorität eines Megatalents, denn so ein Songwriting, wie man es hier hört, begeistert auch nach 40 Jahren noch - und steht jenem von Lou Reed und John Cale kaum nach.

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Dokument erstellt am 2011-08-25 21:05:06
Letzte ─nderung am 2016-08-11 15:47:43



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