• vom 15.08.2015, 15:00 Uhr

Platten der 60er/70er Jahre

Update: 11.08.2016, 15:49 Uhr

1975

Liebesreigen und Fuzz-Freakouts




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Von Bernhard Torsch

  • 1975 wurde der Vietnamkrieg offiziell beendet, die SPÖ unter Kreisky eroberte erneut die absolute Mehrheit - und in der Rockmusik erschienen zentrale Alben u.a. von Bob Dylan, Patti Smith und Bruce Springsteen. Ein Rückblick.

1975: Music is everywhere . . . Christian Berger

1975: Music is everywhere . . . Christian Berger 1975: Music is everywhere . . . Christian Berger

Bob Dylan: "Blood On TheTracks"

Zwischen 1974 und 1975 kriselte es im Hause Dylan zwischen Bob und seiner Gattin Sara so heftig, dass es schließlich zur Trennung kam, die das grundlegende Thema dieses Albums ist. Dylans Sohn Jacob sagte einmal, wenn er die Platte auflege, höre er seine Eltern streiten. Angesichts von Stücken wie "Idiot Wind" ("You’re an idiot, babe, it’s a wonder you still know how to breathe") lässt sich erahnen, dass bei Dylans nicht immer ganz gewaltfrei kommuniziert wurde. Da Lebenskrisen großen Künstlern aber oft einen Inspirationsschub verpassen, ist "Blood On The Tracks" nichts weniger als der vielleicht schönste und poetisch präziseste Songzyklus über Liebe, Liebesstreit, Liebeshass und Trennung, der je auf Schallplatte gepresst wurde.


Noch in 50 Jahren werden sich Verliebte und Liebeskranke "Shelter From The Storm" anhören, zu "Buckets Of Rain" eine Träne wegdrücken und zu "Simple Twist Of Fate" traurig nicken.

Patti Smith: "Horses"

Selten hat ein Debütalbum die Musikszene so nachhaltig erschüttert und verändert wie jenes von Patti Smith. "Horses" gab tonal und lyrisch den Weg vor, auf dem bald danach viele Punkrock-Bands wandeln sollten. Gleich mit dem Opener, einer extrem sexualisierten Version des Them-Gassenhauers "Gloria", zeigte Smith, dass sie eine Rockperformerin war, die Janis Joplin oder Grace Slick in nichts nachstand und Feminismus, sexuelles Begehren und Kritik an den Zuständen wütend und doch poetisch in großen Songs transportieren konnte. Das ikonische Coverfoto, geschossen von Robert Mapplethorpe, passte perfekt zu Smiths Spiel mit Geschlechterambiguitäten und wirkte trotz ihrer androgynen Ausstrahlung wie ein fast trotziges Bekenntnis zur eigenen Weiblichkeit.

Pink Floyd: "Wish YouWere Here"

Nach dem unerwarteten Mega-Erfolg von "The Dark Side Of The Moon" waren die Herren Waters, Gilmour, Mason und Wright ein wenig ratlos, wie es nun weitergehen solle mit der Band. Roger Waters hatte schließlich die Idee, ein Konzeptalbum zu machen, das einerseits dem an Schizophrenie erkrankten Bandgründer Syd Barrett gewidmet sein sollte und andererseits Waters Lieblingsthemen abhandeln würde: Entfremdung, das gnadenlose Musikbusiness und Vereinsamung im Spätkapitalismus. Aus diesem sperrigen Gedankengerüst entstand dank der letzten wirklich auf Augenhöhe stattgefunden habenden Zusammenarbeit der Musiker ein aus nur fünf, teils über 13 Minuten langen Stücken bestehender Liederreigen, den nicht zuletzt die Gruppe selber als ihr bestes Werk betrachtet.

Allein das Eröffnungsriff von "Shine On You Crazy Diamond" ist so einprägsam, dass es keiner, der es gehört hat, jemals vergisst. Bizarre Anekdote: Als das Album gemixt wurde, tauchte plötzlich Syd Barrett im Studio auf, kahl geschoren und übergewichtig, bezeichnete den Sound als "alt" und teilte seinen erschrockenen Ex-Kollegen mit, dass er einen großen Kühlschrank besitze.

Bruce Springsteen: "BornTo Run"

Die dritte Platte vom Boss war sein Versuch, im Mainstream anzukommen und mit der gerade entstehenden E-Street-Band einen unverwechselbaren Sound hinzukriegen. Beides ist ihm gelungen.

Die Platte ist das Mittelstück zwischen dem freakigen, von Drogen befeuerten Frühwerk und dem Blockbustererfolg der 80er Jahre. Mit einer extrem breitwandigen Wall-of-Sound-Produk-tion, die die Tightnessder Rock-’n‘-Roll-Songs der 50er mit zeitgenössischem Songwriting verband, gelang Springsteen ein Meisterwerk und vor allem mit dem Titelsong reiner Sturm und Drang, der dem Hörer zuzurufen scheint, seinen Job zu kündigen, sich die Freundin zu schnappen und einfach mit dem Auto ins Blaue zu fahren, die ganze Nacht durch, bis man am nächsten Morgen in einer mexikanischen Kneipe Tequila trinkt und dazu Gitarre spielt.

Taj Mahal: "Music KeepsMe Together"

Sie suchen die ultimative Sommerplatte? Hier ist sie. Vom Blues ausgehend webte Henry Saint Clair Fredericks alias Taj Mahal Reggae, Jazz, westindische Sounds und Soul in einen Klangteppich, der superentspannt und trotzdem anregend klingt und perfekt zu einem sonnigen Tag passt, den man in der Hängematte verbringt und dazu vielleicht einen Caipirinha oder eine Spaßzigarette genießt. So relaxt die Musik auch ist, baute Taj Mahal doch auch eine Prise Rassismuskritik ein. Nicht belehrend, sondern mit stiller Würde und Humor ("Brown Eyed Handsome Man", "My Ancestors").

Queen: "A Night AtThe Opera"

1975 befanden sich Freddie Mercury, Brian May, John Deacon und Roger Taylor zweifellos am Zenit ihrer Kreativität, was sich in diesem geradezu aberwitzig originellen und vielschichtigen Album spiegelt. Obwohl Mercurys "Bohemian Rhapsody" alle anderen Songs noch einmal in den Schatten stellte und berechtigterweise zu einem Superhit und bis heute immer wieder gerne gehörten und gecoverten Evergreen wurde, schüttelten auch die anderen Bandmitglieder Songs, die heute Klassiker der Rockmusik sind, nahezu mühelos aus dem Ärmel ("You’re My Best Friend", "39"). Die nach einem Film der Marx Brothers benannte Platte katapultierte Queen in das Pantheon der Rockgötter und danach blieb kein noch so großes Stadion ungefüllt, wenn die Majestät zur Konzertaudienz lud.

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Dokument erstellt am 2015-08-13 15:23:05
Letzte ─nderung am 2016-08-11 15:49:31



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