• vom 13.08.2016, 14:00 Uhr

Platten der 60er/70er Jahre


1976

Satan, Punk und Rock 'n' Roll




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernhard Torsch

  • Das Jahr 1976, in dem Mao starb, brachte eine Vielzahl an interessanten Pop- und Rock-Alben hervor. Ein (Hör-)Blick zurück.



Das Wesen mit dem Bocksfuß hatte sie 1976 beide gut im Griff: die Ramones (l.) genauso wie AC/DC. Cartoon: Christian Berger

Das Wesen mit dem Bocksfuß hatte sie 1976 beide gut im Griff: die Ramones (l.) genauso wie AC/DC. Cartoon: Christian Berger Das Wesen mit dem Bocksfuß hatte sie 1976 beide gut im Griff: die Ramones (l.) genauso wie AC/DC. Cartoon: Christian Berger

In Innsbruck fanden Olympische Winterspiele statt, Jimmy Carter wurde neuer US-Präsident und ein Land namens Tschechoslowakei gewann in einem Land namens Jugoslawien die Fußball-EM. Die Musikwelt schwankte zwischen Stadion-Rock und neuen Ufern. Wir haben uns die besten Platten von 1976 noch einmal angehört.

Peter Frampton: Frampton Comes Alive!

Nach seiner Zeit mit Humble Pie und als Begleitmusiker von u.a. David Bowie und George Harrison schien die Karriere des britischen Gitarristen und Sängers gelaufen zu sein, doch dann veröffentlichte er den Mitschnitt eines Konzerts in San Francisco und der gefällige Westcoast-Sound eroberte zuerst Amerika und dann die Welt.

Das Album hatte mit "Baby I Love Your Way", "Do You Feel Like We Do" und "Show Me The Way" gleich drei Superhits und Framptons virtuoses Gitarrenspiel begeisterte auch die Freunde verfeinerter Rockmusik. Vor allem der Einsatz der Talk Box, eines Effektgeräts, mit dem der Gitarrist sein Instrument mittels Mundbewegungen steuern kann, machte die Platte einzigartig. Die Musikzeitschrift "Rolling Stone" wählte die Scheibe zum Album des Jahres - und elf Millionen Käufer gaben ihr recht.

Patti Smith Group: Radio Ethiopia

"Fuck Radio Ethiopia, man, I’m Radio Brooklyn!", nuschelte ein grantiger Lou Reed während eines Konzerts ins Mikrofon, und die Herren Musikkritiker sahen das ähnlich. Das zweite Album von Patti Smith fiel in den Besprechungen durch. Dabei war die Platte nichts anderes als eine konsequente Weiterentwicklung der Ansätze, die die Musikpresse auf dem Vorgängeralbum "Horses" noch so hoch gelobt hatte, also sehr emotional aufgeladener Rock ‚n‘ Roll, nur düsterer, bewusster, feministischer. Zu den Höhepunkten gehören das finster-pulsierende "Poppies" sowie der krachende Titeltrack, den Kritiker damals als "Lärm" missverstanden. Patti Smith selber wollte mit "Radio
Ethiopia" "kommerzieller" werden, was ihr allerdings erst drei Jahre später mit den Hits "Dancing Barefoot" und "Frederick" gelang.

Weather Report: Black Market

Verstärkt um den genialen Bassisten Jaco Pastorius, ging die Jazzrock-Combo um den Exil-Österreicher Joe Zawinul hier den schon mit dem Vorgängeralbum eingeschlagenen Weg in Richtung Massentauglichkeit weiter und erfreute das Publikum mit einprägsamen Melodien, funkigen Bassfiguren und Schlenkern in Richtung Weltmusik.

Mit dem Titelsong und dem entspannten "Cannon Ball" hatte man sogar Airplay in Mainstream-Radiostationen. Seit "Black Market" wandelte sich die Band von einer ständig wechselnden Begleittruppe um Zawinul und Wayne Shorter zu einer beständigeren Gruppe, die auch live immer überzeugender wurde.

Für Pastorius war diese Platte der Einstieg in eine Jazz-Weltkarriere, die zehn Jahre später tragisch endete, als der wegen einer bipolaren Erkrankung arbeits- und obdachlos gewordene Künstler von einem Türsteher totgeschlagen wurde.

Paul McCartney & Wings: Wings Over America

Während sich John Lennon aus der Öffentlichkeit zurückzog, veröffentlichte sein alter Beatles-Kollege Paul McCartney eine Platte nach der anderen und tourte um die Welt. Sir Paul genoss Liveauftritte und hatte diese seit 1966, als sich die Beatles vom Tourneeleben zurückgezogen hatten, schmerzlich vermisst.

Dieses Dreifach-Album dokumentiert die USA-Tour von 1975/76, als McCartney seine neue Band Wings zu einer äußerst fähigen Show-Maschine trainiert hatte, mit der er seine aktuellen Chartserfolge ebenso überzeugend zur Aufführung bringen konnte wie Evergreens aus der Ära der Fab Four. "Wings Over America" ist geradezu ein Musterbeispiel für eine Stadion-Rockshow der 70er Jahre. Die Abfolge der Songs ist auf möglichst große Publikumsbefriedigung getrimmt, aber die perfekt aufeinander eingespielte Band wirkt nie lustlos oder kalt, sondern agiert unter der Leitung des vielleicht besten Entertainers des späten 20. Jahrhunderts mit höchster Spielfreude. Für den Preis eines Tickets landeten die Konzertbesucher für drei Stunden in einer anderen, besseren Welt. Diese Platte mit ihrer Lebenslust und den emotionalen Publikumsreaktionen vermittelt einen ganz guten Eindruck davon, warum Paul McCartney zum erfolgreichsten Popmusiker aller Zeiten wurde.

Ramones: Ramones

"Hey ho, let’s go!". Das Debütalbum der New Yorker Band, die sich als Gebrüder Joey, Johnny, Dee Dee und Tommy Ramone ausgab, flog wie eine entsicherte Handgranate in eine selbstgefällig gewordene Musikszene. Die 14 Songs im Zwei-Minuten-Format führten den Rock ‚n‘ Roll zurück an die Wurzeln und schnitten all das Fett weg, das sich die Musik zu dieser Zeit angefressen hatte.

Optisch erinnerten die Bandmitglieder mit ihren schwarzen Lederjacken an die frühen Beatles, musikalisch definierten sie das, was vor allem den amerikanischen Punk-Rock ausmachen sollte: kurze, schnelle Songs mit jagenden Drums und einprägsamen Melodien.

Werbung
weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-12 11:17:05
Letzte Änderung am 2016-08-12 11:25:40



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mit einem Stups zum Nobelpreis
  2. Viennale mit internationalen Filmperlen
  3. Das Gegenteil von Trump
  4. "Man kommt gar nicht mehr hinterher"
  5. Erhöhte Gefahr von Cyberattacken zum Weltklimagipfel
Meistkommentiert
  1. "Man kommt gar nicht mehr hinterher"
  2. Erhöhte Gefahr von Cyberattacken zum Weltklimagipfel

Werbung




Werbung


Werbung