• vom 02.06.2016, 17:34 Uhr

Pratergeschichten

Update: 23.11.2016, 16:41 Uhr

Prater

Verbrechen, Schwindel und Prostitution




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Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag:
  • "Unbekannte Praterg’schicht’n" Teil XVIII.

Allan, der Zauberkünstler, war ein Kenner der Falschspieler.

Allan, der Zauberkünstler, war ein Kenner der Falschspieler. Allan, der Zauberkünstler, war ein Kenner der Falschspieler.

Wien. "Jeden Samstagnachmittag, nachdem das Museum geschlossen hat, ging es in ein kleines, verrauchtes Tschocherl im 2. Bezirk. Der alte Allan hat Kette geraucht, ist aber auch über 80 geworden. Gesoffen wie ein Loch, aber nie krank gewesen bis zum Tod", lacht Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, als er sich an seinen alten Freund, den Zauberkünstler Allan (mit bürgerlichem Namen Albin Neumann) erinnert. "Kennengelernt hab ich ihn, weil er Vorstandsmitglied in unserem Museum und Vizedirektor bei der Künstlergewerkschaft gewesen ist. Allan war ein Kenner der alten Falschspieler, der betrügerischen Medien und der ganzen Szene im 2. Bezirk." - Eine Szene, die es so heute nicht mehr gibt und die aus verschiedenen Parametern bestanden hat: gewissen Orten, gewissen alltäglichen Ritualen, einer gewissen Sprache - und gewissen Typen, die diese Strukturen mit ihren Tricks "bespielten". Noch vor wenigen Jahren konnte man sie in der Pratergegend, im Stuwerviertel und beim Mexikoplatz nicht übersehen, heute muss man sie gezielt suchen: jene nebulösen Lokale, wo Rotwelsch, die phantasievolle "Gaunersprache", die ihre Ursprünge bereits im 13. Jahrhundert hat, gepflegt wird.

Schauspieler wie Georg Friedrich oder Musiker wie Voodoo Jürgens nehmen sich dieser Tage wieder dieser urwienerischen Ausdrucksweise an. Urwienerisch im Sinne von: einer bunten Mischkultur aus mittelhochdeutschen, slawischen und romanischen Ausdrücken mit stark jiddischen Zügen. Viele diese eigenwilligen Ausdrücke findet man fast nur noch in Folgen von "Kottan" oder "Alltagsgeschichten", aber andere wie Zaster, Zores, Polente, Gerschtl und Falott haben es auch in die heutige Alltagssprache geschafft. In den "Praternachrichten" vom März 1932 wird in einem Artikel sogar auf eine Subspezies des Rotwelsch eingegangen - unter dem Titel "Praterdialekt": "Es sollen hier nur einige besonders prägnante Wiener Dialektausdrücke aufgezeigt werden, deren Wiege und Ursprung der Wiener Prater ist und bleibt. So ist das Wort ‚Bengel‘ für einen frechen, ungehobelten Menschen der Name eines bekannt rohen Praterforstwartes Franz Bengel, der unter Kaiser Rudolfs II. Regierung unter den Wienern berüchtigt war. ‚Bei der grünen Bettfrau‘ bedeutet eigentlich, auf einer Praterwiese zu nächtigen. (...) ‚Praterpülcher‘ ist eine nicht misszuverstehende Bezeichnung für einen Nichtstuer, der im Prater sein Unwesen treibt. ‚Praterschani‘ oder auch ‚Brotschani‘ ist der meist jugendliche Brotverkäufer der Pratergastwirtschaften. (...) ‚Bravo Stuwer!‘, der Ausdruck für höchstes Bewundern und Erstaunen, stammt von dem bekannten Pyrotechniker Anton Stuwer, der im Prater seine prachtvollen Feuerwerke abbrannte. (...) ‚Du g’herst zum Präuscher!‘, eine vielgebrauchte Redensart, mit welcher man Menschen bezeichnen will, die durch ihre besonders verrückte Lebensart in das unter diesem Namen bekannte Prater-Panoptikum (Wachsfigurenkabinett) und ‚ausg’stopft‘ zur öffentlichen Besichtigung aufgestellt gehören."

Information

Die Serie "Unbekannte Pratergschicht’n" von Clemens Marschall und seinem Berater Robert Kaldy-Karo erscheint zum runden Prater-Jubiläum wöchentlich in der Wiener Zeitung und beleuchtet eher obskure Nebenstränge der Geschichte des Praters. Gerade erschienen ist außerdem Kaldy-Karos Archivbildband "250 Jahre Prater" im Sutton Verlag. Wer darüber hinaus in die Materie eintauchen möchte, dem sei ein Besuch
der aktuellen Sonderausstellung "250 Jahre Wiener Prater" im Circus- und Clownmuseum Wien (Ilgpl. 7, 1020 Wien) empfohlen. Nähere Infos finden Sie auf www.circus-clownmuseum.at


Verbrechen und Sex waren vom Anfang an Themen im Wiener Prater, der 1766 von Kaiser Joseph II. öffentlich gemacht wurde.

Verbrechen und Sex waren vom Anfang an Themen im Wiener Prater, der 1766 von Kaiser Joseph II. öffentlich gemacht wurde.© clownmuseum Verbrechen und Sex waren vom Anfang an Themen im Wiener Prater, der 1766 von Kaiser Joseph II. öffentlich gemacht wurde.© clownmuseum

Lust und Lustmörder
im Wiener Prater

Unzertrennlich verbunden mit dieser Pratersprache und dem Rotwelsch ist natürlich das "Milieu", das diese Sprache intus hat: Dirnen, Strizzi, Ganoven, Spieler, Hasardeure und Lebenskünstler, die sich ihrer Geheimsprache bedienten, um es dem Inspektor nicht unbedingt einfacher zu machen.

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Sex war vom ersten Tag an Thema im Wiener Prater. Susanne Mauthner-Weber schreibt in ihrem Buch "Venuswege: Ein erotischer Führer durch das alte Wien": "Als Kaiser Jospeh II. 1766 den Prater zu einem öffentlichen Park machte, ahnte er noch nicht, daß er damit einen neuen Sündenpfuhl schuf. Dabei war diese Entwicklung bereits vom ersten Tag an absehbar. Schon beim Volksfest zur Eröffnung des Lustparks hatte die Sittenpolizei alle Hände voll zu tun. Ein Moralhüter führte Buch über seine Beobachtungen an diesem Tag: Er erwischte nicht weniger als 102 Männer - vom Milchbart bis zum Greis - in eindeutigen Stellungen mit Damen ebenfalls aller Alterskategorien. Nachdem seine Kollegen sicher ähnliche Erfahrungen machten - sofern sie nicht selbst handelnde Personen waren -, kann man sich leicht ausmalen, welch orgiastisches Fest die Prater-Eröffnung gewesen sein muß."

Bei der Weltausstellung 1873 wurden die Prostituierten erstmalig registriert und das Gesundheitsbuch - der umgangssprachlich genannte "Deckl" - etabliert. Damals ließen sich 1600 Dirnen registrieren - die Dunkelzahl wurde schon damals und auch in den nächsten Jahrzehnten auf ein Vielfaches geschätzt. Stefan Zweig schreibt in "Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers" diesbezüglich von einer "Armee der Prostitution".

Auch mit der mehr als 200-jährigen Distanz sollte man allerdings keine romantisch-nostalgischen Vorstellungen heraufbeschwören. In den ersten Jahren war im Prater weibliches Personal wegen der gängigen "Winkelprostitution" verboten. Dennoch waren unzählige Prostituierte auf Männerfang - ab seiner Eröffnung 1895 besonders im Themenpark Venedig in Wien.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-02 17:38:06
Letzte ─nderung am 2016-11-23 16:41:02



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