Salzburg. Die Wiener Philharmoniker können russische Musik spielen. Hätte diese Behauptung eines weiteren Beweises bedurft, so wäre dieser beim Auftakt-Konzert des Orchesters bei den Salzburger Festspielen 2012 schlagend erbracht worden. Dirigent Valery Gergiev präsentierte am Sonntag Vormittag im Großen Festspielhaus Musik seiner Landsleute Igor Strawinsky, Modest Mussorgski und Sergej Prokofjew - und fuhr mit diesem "russisch-philharmonischen" Heimspiel einen vollen Publikumserfolg ein.
Erst lag Strawinskys "Psalmen-Symphonie" für tiefe Streicher, Bläser und Chor aus dem Jahr 1930 auf den Pulten. Die Musiker knüpften damit an die heute, Sonntag, zu Ende gehende "Ouverture spirituelle" an: Innig-warmer Sakral-Klang in polyphoner Breite. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, die Wiener Philharmoniker und ihr Dirigent zogen an einem Strang - genau wie es sein soll.
Emotional engagiert
Musikalisch genau so versiert wiedergegeben, als Komposition aber wesentlich schwieriger zu vermitteln, wirkten danach die "Lieder und Tänze des Todes" von Modest Mussorgski. Alexander Raskatov hat das im Original nur für Klavier und Gesang vorliegende, volksmusikantisch-eigenwillige Musikstück im Jahr 2007 großflächig instrumentiert. Den Liedern wie "Wiegenlied" oder "Der Feldherr" half der neue symphonische Klang allerdings nur bedingt. Die Inhalte des Werkes erschlossen sich nur zögerlich, trotz der emotional engagierten und gesangstechnisch einwandfreien Interpretation von Tenor Sergei Semishkur. Eine Übersetzung auf der im Großen Festspielhaus ohnehin installierten Übertitel-Anlage hätte diese vier russischen Prosatexte auch allen Nicht-Russen in Salzburg zugänglich gemacht.
Mitreißende Völkerverständigung pur war nach der Pause in Sergej Prokofjews "Fünfter Symphonie" in B-Dur op. 100 angesagt, von der viele Musikwissenschaftler ja behaupten, sie sei erst durch die stalinistische Zensur derart pointiert und rhythmisch kraftvoll geworden. Tatsächlich wurde der Komponist in den Entstehungsjahren dieses grandiosen Werkes 1944/1945 eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, sein Schaffen in den Dienst des Abwehrkampfes gegen die Hitler-Truppen zu stellen und patriotisch-eingängig zu schreiben. Wie substanziell diese politische Einflussnahme auch immer gewesen sein mag - diese "Fünfte" ist ein ebenso selten gespieltes wie berauschendes Meisterwerk.
Gerade weil diese real-sozialistische und zugleich hochromantisch-abgründige Symphonie auch für die Wiener Philharmoniker keinesfalls zum Stammrepertoire zählt, ist die enorme rhythmische Präzision und klangschwelgerische Souveränität dieser Wiedergabe kaum hoch genug einzuschätzen. Sensationell, wie knackig und engagiert da gearbeitet wurde und mit welcher lockeren Werkkenntnis Gergiev und die Wiener zu "Russischen Philharmonikern" zusammenschmolzen.
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