• vom 20.08.2012, 15:52 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 20.08.2012, 18:45 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Young Directors Project

Salzburger Festspiele: Schall und Rauch


Von Reinhard Kriechbaum

  • Gisele Vienne führt bei den Salzburger Festspielen aufs Eis und dann in den Wald

Miniszenen in Methaphernbrühe: "This Is How You Will Disappear" von Gisèle Vienne. - S. Durand/DACM

Miniszenen in Methaphernbrühe: "This Is How You Will Disappear" von Gisèle Vienne. S. Durand/DACM

Wenn man an einem Hochsommer-Nachmittag bei rund 30 Grad in die Eishalle strebt, um dort ein Stück über die Einsamkeit einer Kunsteisläuferin vorgeführt zu bekommen: Kann schon sein, dass einem da das rechte Problembewusstsein abhanden kommt.

Information

Theater
Éternelle Idole/This Is How You Will Disappear
Eisarena/republic im Rahmen der Salzburger Festspiele
Wh.: 21. und 22. August

Werbung

Die französische Theatermacherin Gisèle Vienne ist derzeit mit zwei Produktionen zum Young Directors Project (YDP) bei den Salzburger Festspielen eingeladen. Für die eine, "Éternelle Idole", geht’s also in die Red-Bull-Arena. Wer auf den Pullover vergessen hat und sich langen Unterhosen grundsätzlich verweigert, kann sich in eine warme Decke hüllen: "Faust I + 2" steht drauf, ein Relikt aus besseren Theaterzeiten bei den Festspielen.

Eine Stimmung, als ob Red Bull zweistellig gegen die Hottentotten verloren hätte. Die Musik dröhnt auf und ein ätherisches Geschöpf kurvt endlos in der Arena herum. Die Dame ginge bei der Wiener Eisrevue zwar nicht durch, aber ein paar Tanzschritte, sogar ein paar Pirouetten und Sprünge hat sie drauf. Wir lernen: Eislaufen ist eine überirdisch wundersame Sache. Aber es kostet Mühe, das zu lernen. Eine Gruppe von Elevinnen übt den Gleichschritt, die Eisprinzessin ist ihr "Éternelle Idole".

Dann Eishockeyspieler bei der Morgenarbeit, 17 Leute. Das verwundert sogar einen Sport-Unkundigen. Aber es wird in der Nebel- und Metaphernsuppe auf der Eisfläche schon auch dies seinen tieferen Sinn haben. Könnte sein, dass die blütenweiße Eisprinzessin was mit ihrem Trainer hat, aber Genaueres ist der kurzen Szene nicht zu entnehmen. Dann kommt’s wieder dick, in Nebelschwaden nämlich. Ein Außerirdischer (oder ein Eishockey-Golem, so genau sieht man das auf die Ferne nicht) holt die ohnmächtig zusammengesunkene Eisprinzessin, und im dichten Gewölk des Bühnennebels ist eine fliegende Untertasse gelandet. Dann ist das Spektakel vorbei, verlegener Beifall. Kunsteis-Artisten investieren viel Lebenszeit in ihr "Éternelle Idole". Theaterbesucher manchmal auch.

Grusel-Schautheater mit faulem Bühnenzauber
Abends im "republic" haben die Nebelwerfer nicht weniger zu tun und die Leute an den Lautstärkereglern drehen auch wieder voll auf: "This Is How You Will Disappear", ein Grusel-Schautheater, das sich ein drittklassiger Romantiker nicht besser hätte ausdenken können. Fauler Bühnenzauber! In einer Zehn-Minuten-Episode passiert gleich überhaupt nichts, außer dass die Wolken mit handwerklicher Perfektion an- und ausgeleuchtet werden. Wenn beim YDP ein Preis für Special Effects zu vergeben wäre, er wäre dem Team von Gisèle Vienne sicher. Vienne tingelt mit "This Is How You Will Disappear" schon lange herum. Beim Steirischen Herbst in Graz etwa war die Produktion gar schon 2010 zu sehen. Hat ein solcher alter Hut etwas verloren beim Young Directors Project?

Dichtes Unterholz auf der Bühne. Eine junge Dame mit wohlgeformtem Körper hat sich für exzessive Outdoor-Gymnastik entschieden. Oder sie wird dazu gezwungen vom Trainer, der zweiten Bühnenfigur. Es scheint jedenfalls eine Besessenheit geworden zu sein. Später wird ein Pop-Barde auftauchen, eine etwas unterbelichtete, wald-schattige Variante von Elvis. Auch der hat, wie es scheint, wider die Natur gelebt. Kommt "Éternelle Idole" in der Eisarena ganz ohne Worte aus, so gibt es hier deren einige. Nicht viele, aber doch so bedeutungsschwanger, dass es reicht, im Zuschauer ein paar Assoziationen zu wecken. Auf diese Kopfgeschichten allein ist Gisèle Vienne nämlich aus. Aus hingeworfenen Mini-Szenen und einer dicken Brühe an optischen Metaphern sollen wir uns tunlichst selbst was ausdenken.

Das akustische Environnement hat auch hier oft niederschmetternde Lautstärke. Alles Schall und Rauch also.

In der letzten Szene kommt ein Falke ins Spiel. Ein echter. Aber keine Sorge, es muss kein Lebewesen leiden an dem Abend. Jedenfalls nicht auf der Bühne.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-20 15:59:13
Letzte Änderung am 2012-08-20 18:45:01


Beliebte Inhalte



Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter




Werbung





Wagners Ring an einem Abend an der Volksoper Wien

Wagnerwucht mit Stopps zum Schmunzeln

20130524DER RING DER NIBELUNGEN - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200... weiter




Eine "Winterreise" in den Wahn

Jonas Kaufmann. - apa Jonas Kaufmann bat vor seinem Liederabend im Wiener Konzerthaus für Verständnis: Nach seiner überstandenen Verkühlung sei sein Kreislauf noch... weiter




Norma

Ungewöhnlich gewöhnungsbedürftig

Die Konkurrentinnen Adalgisa und Norma. - Salzburger Festspiele Am Ende wird der Horst der Freischärler, die Schule, von ihnen selbst abgefackelt. Die Matratzen und Schulmöbel werdend um Norma und Pollione... weiter




Edita Gruberová im Wiener Musikverein

Belcanto-Lehrstunde

Triumphierte im Musikverein: Edita Gruberová. - apa/Hochmuth Ihre bis dato letzte neue Rolle präsentierte Sopranlegende Edita Gruberová in konzertanter Version im Wiener Musikverein... weiter



Wiener Festwochen

Männerwelt unerlöst

Emmanuelle Seigner avanciert in der Männerbande zum sexuellen Gravitationszentrum. - Festwochen In Paris war "Le Retour" die Einstandsinszenierung als neuer Spielleiter des Odéon Theatre, in Wien ist sie nun das Abschiedsgastspiel des... weiter




Uraufführung in der Josefstadt

Krisenangst und Mordslust

Auf dem Weg ins Unglück: Annika Borde (Flora), Sandra Cervik (Elfriede Weber). - Sepp Gallauer In Peter Turrinis Facts-und-Fiction-Durcheinander "Aus Liebe" versucht ein weißbärtiger "Lieber Gott" als Urheber der Schöpfungsgeschichte bedankt zu... weiter



Neues vom Liederfürsten

Sander, Klemens / Zeyen, Justus: Franz Schubert Schwanengesang

Franz Schubert Schwanengesang Preiser Records, 1 CD, ca. 17 Euro (dawa) Ein heimisches Solodebüt. Der junge Bariton Klemens Sander, aus Oberösterreich stammend, aktuell in der Hauptstadt wirkend... weiter




Hoch sollen sie leben

30 Jahre Concilium musicum

Haydn u. a.: 30 Jahre Concilium musicum Gramola, 1 CD, ca. 18 Euro (dawa) 30 Jahre Originalklang mit dem Concilium musicum Wien, wenn das kein Grund zum Feiern ist. Kapellmeister, Komponist und Radiolegende Paul... weiter




Die Quintessenz des Klaviers

Jarnach, Lucy: Ravel, Jarnach, Bartok. Im Freien

Ravel, Jarnach, Bartok Im Freien AVI, 1 CD ca. 19 Euro (eb) Alles entweder stromlinienförmig oder absichtsvoll-justament-anders, was die jungen Pianisten von sich geben? Ja, gewiss... weiter




Die Casady-Schwestern alias CocoRosie

Wie nennt man diese Musik?

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon Bei der Begegnung mit CocoRosie war dem Autor dieser Zeilen fast zumute wie im STS-Hit "Fürstenfeld" dem Steirerbua angesichts eines Szene-Girls im... weiter




Kahn Galleries der Albertina

Ein Kind der Apokalypse

Bandagierte Köpfe und Kinder in der Rolle von Opfern sind Markenzeichen Gottfried Helnweins, der in "The Disasters of War 7" die Gräuel des Krieges anklagt. - Sammlung Christian Baha/VBK An Gottfried Helnwein schieden sich schon in Wien um 1970/80 die Geister: Manche, wie Rudolf Hausner, der ihn als seinen Nachfolger an der Akademie... weiter




Wagners Ring an einem Abend an der Volksoper Wien

Wagnerwucht mit Stopps zum Schmunzeln

20130524DER RING DER NIBELUNGEN - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200... weiter




Am Sonntag werden bei den Filmfestspielen in Cannes die Preise vergeben

Hollywood gegen Realität

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes Cannes. Niemals passiert es, dass das Wettbewerbsprogramm eines Filmfestivals ausschließlich exzellente Filme vereint... weiter



Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: Es sollte die Suche nach dem Ursprung des Universums werden - oder zumindest etwas Ähnliches. Medienkünstler Peter Weibel lud zum Auftakt in den Klangraum Minoritenkirche, um sich einem "3D-Rausch-Konzert" hinzugeben.

Ostern ist zwar schon vorbei, aber der Hase hat nach wie vor Saison. (Probenfoto) Kein Engel, sondern Justin:  Ein Countdown auf dem Bühnen-Screen kündigte gegen 21.00 Uhr den  Pop- und Social Media-Stars an, rund 14.000 Fans kreischten  im Minutentakt


Werbung