• vom 12.08.2017, 14:57 Uhr

Salzburger Festspiele

Update: 14.08.2017, 12:54 Uhr

Dichtung nach unten nivelliert




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Von Hans Haider

  • Horváths "Kasimir und Karoline" bei den Festspielen als Sozialnovelle nacherzählt.

Von kühler Generatormusik angeschobene Gruppenchoreographie  in Horvaths Volksstück "Kasimir und Karoline". - © APAweb / Barbara Gindl

Von kühler Generatormusik angeschobene Gruppenchoreographie  in Horvaths Volksstück "Kasimir und Karoline". © APAweb / Barbara Gindl

Seit 2009 schützt kein Urheberrecht Ödön von Horváth vor Bearbeitungen, Entstellungen. Grenzenlos frei präsentiert das Kollektiv "600 HIGHWAYMEN" unter Abigail Browde und Michael Silverstone "Kasimir und Karoline". Und ohne Rücksicht auf Erwartungen im traditionsfirmen Segment der Zuschauer. Viele zeigten zum Schluss Unmut, so als böten ihnen die Festspiele "Aida" konzertant mit Nachwuchs- und Laienkräften. Kennern von Horváth wird schon beim Entree mulmig, wenn sie im Programmheft von einer "Übersetzung" seiner bis in die kleinste Regieanweisung ausgeglühten neusachlichen Poesie lesen. 2009 begann mit "Kasimir und Karoline" Klaus Kastbergers neue historisch-kritische Edition. Doch was immer den Vorgaben in den Literatur- und Theatermuseen zuwiderläuft: Der Geist Horváths schaut im Großen Studio des Mozarteums immerhin vorbei.

Keine Spur von Oktoberfestrummel. Kein Toboggan, kein Haut-den-Lukas, keine Achterbahn. Vorerst ein strenger Weg zu Horváth pur. Denn seinem 1932 in Leipzig und Berlin aufgeführten "Volksstück" über eine am Münchner Oktoberfest an der Last der Verhältnisse zerbrechende proletarische Zweierbeziehung gab der Dichter eine Gebrauchsanweisung mit: Keine Milieuschilderung, aber Übertreibungen! Ballade in der Tradition der Volkssänger! Kein Dialekt! Keine Parodie! Doch den Satz "Die Regiebemerkungen müssen überhaupt peinlichst eingehalten werden" nahm das New-Yorker Duo auf seiner Europa-Stör mehr als wörtlich: Solche Anweisungen werden mit den Dialogsätzen mitgesprochen. Als würde das Drama des jungen Arbeitslosen, der seine Braut verliert, welche sich beinahe prostituiert, um eine "neue gesellschaftliche Stufe" zu erringen, von den 23 Darstellern wie eine Sozialnovelle nacherzählt.

Information

Kasimir und Karoline

Von Ödon von Horváth

Abigail Browde, Michael Silverstone (Textfassung, Regie)

Salzburger Festspiele

Großes Studio Mozarteum

www.salzburgerfestspiele.at

Bis 18. August

Das nicht am Vortragspult, sondern stetig über das mit Banden wie beim Eishockey eingegrenzte Spielfeld laufend, hüpfend, schreitend, Pirouetten drehend wie in der Paarlaufkür. In einem gestampften Aufmarsch erreicht die von kühler Generatormusik angeschobene Gruppenchoreographie ihren berauschenden Höhepunkt. Oktoberfest, die Nazis marschieren schon 1932, und manche heute wieder. Die Rollen, in die niemand tief eintauchen darf, wandern reihum: Kasimir und Karoline, sein krimineller Freund Franz und dessen gedemütigte Erna, Eugen, der "Wies’n"-Bekannte, der Karoline zuletzt Halt gibt. Acht Karolinen stehen simultan im Kreis.

Die jungen Talente, etliche mit betörenden Filmgesichtern, halb bis voll ausgebildet, manche mit fremdem Akzent, sowie ältere Spielfreudige wurden zusammen trainiert. Das ist die partizipative "600 HIGHWAYMEN"-Methode. Professionelles Sprechen und Musical-Bewegungstraining treffen auf berührende Spielfreude. Wie den Ausgleich schaffen? Richtig: Nivellierung nach unten. Den einen wie den anderen werden zum Textaufsagen gleich absurde Gesten mit den Händen, Armen abverlangt. Irgendwas zwischen anthroposophischer Eurythmie, "Jesus"-Musical und Gebärdensprache.

Die mit heutigem Unterschicht-Sprech ("Der Zeppelin ist eine Verarschung") angereicherte Wortmusik kommt allmählich aus dem Takt. Durch Einschübe, wohl um die Schau auf eineinhalb Stunden zu strecken. Die zwei ungleichen Freunde bekommen eine Lebensgeschichte seit der Schulbank draufgedrückt. Zwischendurch wird Peggy Lees "Is That All There Is?" aus 1969 gesungen – passend zu den Zuspitzungen im Text auf die mögliche Revolution chancenloser Jugendlicher hin. Salzburger werden in der Kunstfigur des wohlhabenden Hasenabschleppers, der sich einen Bahnhof kauft, um ihn abzutragen und wo anders wieder aufzubauen, einen noblen Denkmalschützer wiedererkennen. Sozialkritik hier kleinkariert verschenkt! Wie auch das Finale, das eine Viertelstunde zu spät kommt. Einige Buhrufe, Begeisterung bei den Angehörigen. Dazwischen Kopfschütteln über den Etikettenschwindel.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-12 14:57:44
Letzte ńnderung am 2017-08-14 12:54:37




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