• vom 25.11.2011, 13:30 Uhr

Shakespeare

Update: 22.04.2013, 18:33 Uhr

Literatur

Ein Mann der Masken




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Von Petra Rathmanner

  • Wer war Shakespeare? Seit Jahrhunderten befinden sich Stratfordianer und Anti-Stratfordianer im innigen Streit über die Identität des Klassikers.

Das "Grafton-Portrait" gilt als Bildnis des jungen Shakespeare. Allerdings ist auch das nicht restlos gesichert . . .

Das "Grafton-Portrait" gilt als Bildnis des jungen Shakespeare. Allerdings ist auch das nicht restlos gesichert . . .© Foto: afp/Getty Images Das "Grafton-Portrait" gilt als Bildnis des jungen Shakespeare. Allerdings ist auch das nicht restlos gesichert . . .© Foto: afp/Getty Images

Ein junger Mann aus einer Provinzstadt übersiedelt in den 1580er Jahren nach London. Er verfügt weder über nennenswerte Besitztümer noch einflussreiche Familienverbindungen, auf eine universitäre Ausbildung kann er ebenso wenig verweisen. Dennoch widerfährt ihm, was man heute wohl als Traumkarriere bezeichnen würde: Innerhalb kurzer Zeit avanciert der Hinterlandbewohner zum angesehenen Schauspieler und größten Dramatiker - nicht nur seiner Epoche, sondern aller Zeiten.

Der Theatermann verwandelt in seinen Stücken Politik in Poesie, mischt vulgäre Hanswurstiaden mit philosophischem Feinsinn, bringt sein Publikum zum Weinen und zum Lachen. Der Tausendsassa mit dem schier unerschöpflichen kreativen Potenzial war niemand Geringerer als William Shakespeare, Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford. War er es wirklich? Wer war er wirklich?

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Gerüchte, welche die Urheberschaft von Shakespeares Werk massiv in Frage stellten, tauchten bereits im 17. Jahrhundert auf - und haben sich auf mitunter kuriose Weise bis in die Gegenwart gehalten: Bisweilen wetteiferten mehr als 50 Kandidaten um die Ehre, der wahre und einzige Shakespeare gewesen zu sein. Etliche Anwärter erfüllten indes alle Anforderungen der Absurdität, selbst Königin Elisabeth, die zu Zeiten Shakespeares regierte, wurde als mögliche Verfasserin genannt.

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Die Kontroverse

Der Schriftsteller Walter Klier hielt im "extra" vom 5. November ein Plädoyer für den Earl of Oxford als den wahren Shakespeare. Petra Rathmanner meldet nun Widerspruch an, und sammelt Argumente, die gegen de Vere und für William Shakespeare, den Mann aus Stratford, sprechen.

Literatur:


Scott McCrea: The Case of Shakespeare. The End of the Authorship Question. London 2005.

Stephen Greenblatt: Will in the World. How Shakespeare became Shakespeare. London 2004. (Deutsch: Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. Berlin Verlag, 2004.)

Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare Handbuch, Kröner Verlag, Stuttgart, 5. Auflage 2009.

Die Verschwörung
Wäre Shakespeare, wie oft behauptet wird, tatsächlich nur ein Strohmann für einen anderen Autor gewesen, müsste es sich um eine Verschwörung von erheblichem Ausmaß gehandelt haben. Nicht nur der Namensgeber Shakespeare, auch seine Kollegen am Theater sowie die Herausgeber seiner Werke mussten zumindest bis zu einem gewissen Grad eingeweiht gewesen sein; auch das Umfeld des "wahren" Dichters könnte etwas gewusst haben.

Es ist schon sehr erstaunlich, dass über die Jahrhunderte hinweg nichts dergleichen durchgesickert ist - bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die ersten selbst ernannten Detektive der Sache annahmen - und so einen bis heute andauernden Disput initiierten: Während die sogenannten Anti-Stratfordianer - zumeist beherzte Amateurforscher - Alternativkandidaten präsentierten, zerstreute die universitäre Shakespeare-Forschung alle Bedenken an der Autorschaft Shakespeares.

Der bisweilen esoterisch anmutende Gelehrtenstreit erhält nun neuen Zündstoff: Blockbuster-Regisseur Roland Emmerich setzt, entgegen der gängigen Lehrmeinung, in seinem jüngsten Kinofilm "Anonymus" einen gewissen Edward de Vere als eigentlichen Verfasser von Shakespeares Gesamtwerk schwülstig in Szene. Dieser Earl of Oxford, davon kann man sich in Emmerichs Historienepos überzeugen, dürfte ein so abenteuerliches wie ausschweifendes Leben geführt haben. Er agierte zumeist leidenschaftlich, kämpferisch, eigensinnig - wie jene überlebensgroßen Lords, die Shakespeare in seinen Werken porträtierte.

Die Shakespeare-Spekulationen stellen in der Weltliteratur ein einzigartiges Phänomen dar. Nur wenige Fakten sind von Shakespeares Leben erhalten. Weite Teile seines Lebens liegen im Dunkeln, und die spärlichen Angaben entsprechen auch nicht gerade dem Bild eines Literaturgenies. Selbst die beharrliche Wühlarbeit vieler Generationen von Forschern haben bisher nur bürokratisches Zettelwerk zu Tage gefördert: nichtssagende Dokumente über Steuerzahlungen, Immobilien-Transaktionen, Personenverzeichnisse, in denen ein Schauspieler namens Shakespeare auftaucht, sowie ein Testament, in dem er seiner Tochter alles, seiner Frau jedoch fast nichts hinterlässt. Shakespeares Schriften werden im Vermächtnis mit keinem Wort erwähnt. Es existieren weder Briefe noch Tagebücher, weder Manuskripte noch Notizen; kein Schnipsel Papier trägt die Originalhandschrift des Autors, der ein Bindeglied zwischen Leben und Werk herstellen könnte.

Auf der einen Seite steht ein universales Oeuvre, das einen kultivierten, weltläufigen, gebildeten Renaissance-Geist als Schöpfer erahnen lässt, auf der anderen Seite findet sich ein Provinzler von einfacher Herkunft und ungewisser Schulbildung. Aus diesem Dilemma der Extreme speist sich die jahrhundertealte Autorendebatte.

Einer der ersten ernsthaften Ersatzkandidaten war Francis Bacon (1561-1626), ein umfassend gebildeter Gelehrter und weithin bekannter Essayist und Philosoph. Bald drängte sich die Idee auf, Shakespeare müsste ein Adeliger gewesen sein, der für sein dramatisches Schreiben einen Strohmann benötigte, weil das Theater in elisabethanischer Zeit zweifelhaften Ruf genoss - weshalb Mr. Anonymus aber auch Sonette, für die der Bann nicht galt, unter Shakespeares Namen verfasste, bleibt eine weitere ungeklärte Frage. Auf diese Weise kamen William Stanley, Earl of Derby (1560 oder 1561-1642), oder Roger Manners, Earl of Ruthland (1576-1612), ins Gespräch.

Die Stratfordianer wiederum konterten, indem sie die Herkunft des Dramatikers aufwerteten: Er stammte, so die Apologeten Shakespeares, aus dem gehobenen Mittelstand. Vergessen wurde nicht der Hinweis auf Shakespeares Kollegen Ben Jonson, der von geringerer Herkunft war und es gleichfalls zu literarischen Ehren und gesellschaftlichen Würden brachte. Überdies gelte es als sehr wahrscheinlich, dass Shakespeare die Grammar School in Stratford besuchte und dort fundierte Lateinkenntnisse, seinerzeit die Universalsprache der Gelehrten, erworben haben muss, womit ihm das zeitgenössische Weltwissen offenstand.

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Dokument erstellt am 2011-11-25 14:26:11
Letzte ─nderung am 2013-04-22 18:33:22




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"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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