• vom 02.08.2013, 15:28 Uhr

Shakespeare

Update: 22.08.2013, 10:06 Uhr

Literatur

Ein Dissident der Dissidenten




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Von Walter Klier

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Jede Wissenschaft ist an ihren Rändern am interessantesten, dort, wo es sich spießt und Fragen strittig sind und die Querköpfe ihr Unwesen treiben. Nach der Mitte zu wird es langweiliger, da geht es einerseits um das Tagesgeschäft des Messens, Zählens und Rechnens, dann darum, einander zu erklären, was man ohnedies schon weiß, und meistens geht es um Lehrstühle und Planstellen und mehr Geld für das Projekt xy.

Wer ist Shakespeare?

Wer ist Shakespeare?© Abb.: Verlag Wer ist Shakespeare?© Abb.: Verlag

Für den Fortschritt der Erkenntnis müssen da oft die Außenseiter sorgen, Fachfremde, denen ihre außenseiterische Optik einen besseren Blick auf die Lage der Dinge erlaubt - und die ihren Fachkollegen und dem Institutsvorstand nicht nach dem Mund reden müssen, zumal sie nicht Teil des Betriebes sind. Zur Belohnung werden sie dann, wenn alle Beteiligten längst tot sind, zu Helden der Wissenschaftsgeschichte gemacht, mitunter aber versehentlich ganz schlicht vergessen, weil man sich nicht um alles und jeden kümmern kann.


Selbst wenn sich die Erkenntnisse des jeweiligen Außenseiters letztlich als nicht haltbar erweisen sollten, kann die Lektüre derartiger Werke nur wärmstens empfohlen werden. Es gibt wohl keinen besseren Weg, um zu begreifen, wie unglaublich vertrackt, ja an der Grenze zum Unmöglichen der ewige menschliche Versuch, unsere Welt verstehen zu lernen, eigentlich ist.

Als Beispiel darf wieder einmal die ewig unlösbare Frage nach der wahren Autorschaft der Werke dienen, die unter dem Verfassernamen William Shakespeare auf uns gekommen sind. Einerseits bleibt ein Herr dieses Namens weiterhin für die Mehrheit aller literarisch Interessierten der wahre Verfasser. Andererseits hat sich eine qualifizierte Minderheit von Dissidenten darauf geeinigt, dass Edward de Vere, Graf von Oxford, diesen Namen sich gleichsam als Maske überstülpte, um ungestört seinen poetischen Weg gehen zu können. Vieles spricht dafür; der berühmte endgültige, vor Gericht haltbare Beweis ist freilich bis heute nicht erbracht.

Sodann aber gibt es noch die Dissidenten der Dissidenten. Etwa jene, die annehmen, dass Shakespeares Zeitgenosse und Dichterkollege Christopher Marlowe 1593 nicht unter ungeklärten Umständen einem Mord im Geheimdienstmilieu zum Opfer fiel, sondern dass dieser Mord von seinen Vorgesetzten fingiert wurde, um Marlowe aus der Schusslinie zu bringen und ihn vor der juristischen Ermordung durch den englischen Staat zu retten. Er habe unter falschem Namen weitergelebt, meist im Ausland und weiterhin im Sold des englischen Geheimdienstes, und sich klarerweise nicht davor zurückhalten können, weiter zu dichten, - und habe dies, logischerweise, auch unter falschem Namen, nämlich dem William Shakespeares, getan.

Das klingt zunächst wie eine sogenannte Verschwörungstheorie, eine noch viel wildere als die auf Edward de Vere bezügliche. Zum Glück hat sich nun jemand die Mühe gemacht, in deutscher Sprache und auf vielen hundert Seiten die Sache darzulegen (Bastian Conrad, Der wahre Shakespeare: Christopher Marlowe.Zur Lösung eines Jahrhunderte alten Rätsels, Buch & Media, München 2011, 693 S.). Und als jemand, der sich seit zwanzig Jahren im Lager der Oxford-Dissidenten herumtreibt, muss ich mit dem Fisch aus Monty Pythons "Sinn des Lebens" sagen: "Stimmt einen irgendwie nachdenklich."

Was mich daran fasziniert, ist dieses oben erwähnte Phänomen: die Chance, eine Sache, derer man sich einigermaßen sicher glaubte, plötzlich aus einem deutlich anderen Blickwinkel anschauen zu dürfen - oder zu müssen. Dabei bleiben die mehr oder weniger bekannten Grundtatsachen alle an ihrem Platz. Und selbst wenn man etwa zu dem Schluss kommt, dass Bastian Conrads Theorie (ursprünglich von dem Amerikaner Calvin Hoffman 1955 formuliert) am Ende doch nicht trägt, so ist danach doch die Welt nicht mehr wie vorher: sie ist um eine Facette reicher.

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-08-02 15:32:08
Letzte ńnderung am 2013-08-22 10:06:12




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"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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