• vom 17.11.2016, 16:35 Uhr

Shakespeare

Update: 17.11.2016, 19:54 Uhr

William Shakespeare

Shakespeare - das sind viele




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Von Edwin Baumgartner

  • Eine computergestützte Textanalyse erklärt Christopher Marlowe zum Mitautor von William Shakespeare.

War Marlowe Shakespeare? - Vielleicht nicht ganz, aber ganz sicher teilweise. : it, Quelle Gemeinfrei

War Marlowe Shakespeare? - Vielleicht nicht ganz, aber ganz sicher teilweise. : it, Quelle Gemeinfrei War Marlowe Shakespeare? - Vielleicht nicht ganz, aber ganz sicher teilweise. : it, Quelle Gemeinfrei

Vielleicht muss man sich die Sache so vorstellen: Die Schauspielertruppe der King’s Men findet, sie könnte ihre kollektiv verfassten Stücke endlich einmal drucken lassen. Also schicken sie einen der Ihren mit dem handschriftlichen Konvolut zum Buchdrucker. Der besieht alles und sagt: "Auf einen Monat, und Ihr habt das Buch." - "So sei es, Meister." - "Nun gebt mir Euren Namen, unter dem ich es vermerken kann." - "Nun, alle haben Anteil an den Stücken, alle außer mir. Nennt alle mir fein säuberlich: Da wäre Richard Burbage, William Ostler und John Underwood; der verehrte Meister Marlowe schrieb so manchen Teil, und Meister Bacon tat desgleichen..." - "Guter Mann, hört auf, mir schwirrt der Kopf vor lauter Namen. Ihr habt’s gebracht, holt ihr es ab?" - "So ist’s." - "Dann trag’ ich’s unter Eurem ein. Wie heißt Ihr?" - "Shakespeare, Meister, William Shakespeare."

Nur eine Fantasie ist das, eine ganz und gar erfundene Szene. Dennoch steckt dank neuer Forschung ein Körnchen Realität in ihr. Denn nun ist nachgewiesen, dass William Shakespeare Mitautoren hatte. Möglicherweise sind einige "seiner" Stücke nur Überarbeitungen von Stücken anderer Autoren. Das ist keine literarische Verschwörungstheorie, es ist die Erkenntnis einer computergestützten Wortschatz- und Stilanalyse.


Werk der Widersprüche
Bisher war die Vermutung, Shakespeare sei nicht Shakespeare, reine Theorie. Shakespeare-Forscher hielten nichts von ihr. "Anti-Stratfordianer" nannten sie diese Obskuranten, die nicht glauben wollten, dass der Handschuhmacherssohn aus Stratford upon Avon identisch sei mit dem vormaligen Errichter einer der tragenden Weltliteratur-Säulen.

Die Anti-Stratfordianer verweisen darauf, wie widersprüchlich das Gesamtwerk ist: Für einen einzigen Autor sei das Gefälle zu groß von höchster Bildung zu himmelschreienden Irrtümern und Missverständnissen, von perfekter zu ungeschickt nachgeahmter Hofsprache, von Juristensprache zu Zoten, von makelloser Verskunst zu nachlässiger Reimerei, von einem literarischen Ganz Oben zu einem Ziemlich Tief Unten.

Die Wissenschaft pflegt zu antworten, Shakespeares Genialität bestehe gerade in der Vielzahl der Ebenen. Worauf die Anti-Stratfordianer meinen, genau dies sei verdächtig angesichts der mittelmäßigen Bildung, die Shakespeare in der Provinz-Grammar-School von Stratford upon Avon genossen hat. Anders gesagt: Die gekrakelten Unterschriften passen zu deren Schüler, "Hamlet" und "Richard III." eher nicht.

An irgendeinem Punkt stellte sich die Wissenschaft hochnäsig auf den Standpunkt, Shakespeare sei Shakespeare und Stephen Greenblatt sei sein Prophet - oder Samuel Schoenbaum oder Peter Ackroyd, je nach Shakespeare-Religionsverständnis. Die Theorie, Shakespeares Werk habe einen anderen Autor als den Stratforder, wurde wissenschaftlicherseits zunehmend diskussionslos in den Orkus verbannt gleich neben der Theorie, Queen Elizabeth II. habe Lady Di umbringen lassen: "Die heutige Shakespeare-Forschung geht davon aus, dass Zweifel an der Autorschaft von William Shakespeare aus Stratford an dem ihm traditionell zugeschriebenen Werk unbegründet sind", apodiktelt das Internet-Lexikon Wikipedia und zeigt sich damit freilich nur auf vorletztem Stand.

Allerdings schwächelt die Theorie der Anti-Stratforder zumindest in einem Punkt: Sie übertragen das korrekt erkannte Problem, dass also Shakespeare dieses bemerkenswert uneinheitliche Werk nicht geschaffen haben könne, von einem Autor auf einen anderen. Denn weshalb sollten Christopher Marlowe, Edward de Vere, Francis Bacon, Walter Raleigh, Königin Elizabeth I., Amelia Bassano und wen die Anti-Stratfordianer noch als wahre Urheber von Shakespeares Werken nennen, etwas können, was Shakespeare, der vielleicht in London Bildung nachgeholt hat und ein gutes Ohr für Sprachebenen besitzt, nicht schafft?

Die logische Konsequenz lag auf der Hand, war aber die bis jüngst am seltensten vertretene anti-stratfordianische Theorie: eine Zusammenarbeit mehrerer Autoren.

Im elisabethanischen Theater waren Zusammenarbeiten nicht unüblich. Das Theater hatte einen vergleichsweise niedrigen Stellenwert als Literatur. Das höchste Ansehen genoss das Sonett, darunter standen die anderen Lyrikformen. Das Ansehen von Theaterstücken entsprach etwa jenem von Filmdrehbüchern heute. Auch da schreiben bisweilen mehrere Autoren einen Film. Zum Beispiel verfassten drei Autoren (David Franzoni, John Logan und William Nicholson) das Drehbuch zu Ridley Scotts "Gladiator". In der elisabethanischen und der auf sie folgenden jakobinischen Epoche schrieben Francis Beaumont und John Fletcher offiziell als Autorenteam, John Webster arbeitete mit Thomas Dekker und John Ford zusammen, Dekker seinerseits mit Ben Jonson, John Marston und Philip Massinger und so weiter. Es wäre ein Wunder, wäre Shakespeare die Ausnahmeerscheinung eines ganz und gar individuellen Dramenautors des Elisabethanismus.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-17 16:38:05
Letzte ─nderung am 2016-11-17 19:54:41




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"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Edwin Booth als Hamlet (Hamlet, 1870).



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