
(rie) Vor knapp drei Monaten ist sie von einer Weide im bayrischen Mühldorf am Inn ausgebüxt und so der Schlachtung entkommen. Seither treibt sie sich irgendwo in den Wäldern rund um Zangberg im bayrischen Landkreis Mühlberg herum und ist gegen jegliche Suchversuche immun. Ein berittener Tierarzt, ihre Schwester Waltraud samt Kälbchen Waldi, Dackel Mirko, Stier Ernst, der totgeglaubte Sohn Friesi, eine Schweizer Tierkommunikatorin, ein Helikopter samt Wärmebildkamera, ein norddeutscher Spurensucher auf leisen Sohlen - sie alle wurden schon auf die Kuh, die offenbar eben nicht auf den Namen Yvonne hört, angesetzt. Von den zahlreichen Zweibeinern, die sich auf die Pirsch gewagt haben, ganz zu schweigen. Doch Yvonne bleibt, wo sie ist. Weg.
Weg ist die Kuh, die nicht nur der Wiener Zeitung als dankbares "Futter" (okay, Futter ist hier vielleicht das falsche Wort) für das Sommerloch dient und mittlerweile in halb Europa zum Medienstar avancierte, exakt seit 24. Mai. Eigentlich hätte sie ihr Weg in den Schlachthof führen sollen statt in den Bayrischen Wald. Aber sie ist eben "die Kuh, die ihren Weg geht", wie von Medien so trefflich bezeichnet.
Das Problem bei der Suche nach dem Rindvieh ist, das "weg" stets woanders ist. "Jetzt ist Yvonne zur Nomadin geworden", titelt die Website von Gut Aiderbichl, das, seit es das Tier gekauft hat, fieberhaft nach ihm sucht. "Alles wäre viel leichter, wenn Yvonne irgendwo sesshaft würde", heißt es weiter. Aber sie ziehe von Wald zu Wald.
Spurensucher auf leisen Sohlen

Zuletzt hat sich ein Spurensucher aus Norddeutschland auf Yvonnes Fersen geheftet. Teilweise ist er sogar nur auf Socken auf der Pirsch, um das sensible Tier nicht zu erschrecken. Derweil darf Ernst vorerst wieder zurück in seinen Stall. Der Ochse ist ebenfalls im Besitz von Gut Aiderbichl und hat "rührend seit Tagen nach Yvonne gerufen". Er soll wieder nach Yvonne rufen, wenn diese sesshaft geworden sei. Eventuell dann gemeinsam mit "Friesi". Friesi ist der eigentlich totgeglaubte Sohn der entflohenen Kuh, der vergangene Woche im Stall des Restaurants Friesacher im Salzburger Anif als solcher enttarnt wurde.
Die skurrilste Episode bei der Suche nach Yvonne lieferte aber die Schweizer Tierkommunikatorin Franziska Matti. "Der Stier ruft mich und sagt mir, ich brauche keine Angst zu haben, aber ich bin halt schon sehr vorsichtig", soll Yvonne ihr geflüstert haben. Es gehe ihr gut, habe die Kuh weiter wissen lassen, aber sie sei etwas durcheinander. Auch mit Ernst hat Matti vergangene Woche Kontakt aufgenommen. Die Suche nach Yvonne sei ihm etwas langweilig geworden, teilte er mit. "Es reizt sie schon, zu mir zu kommen. Sie sehnt sich nach Kuh-Gesellschaft nach so langer Zeit", gab sich der Ochse laut Matti wenig bescheiden.

Yvonne gehörte ursprünglich einem Kärntner Bauern und hieß damals Angie. Der Landwirt verkaufte die Kuh nach Bayern, wo sie gemästet und dann geschlachtet werden sollte. Als Yvonne auf dem Weg in die Freiheit vor ein Polizeiauto rannte, wurde sie zum Sicherheitsrisiko erklärt und zum Abschuss freigegeben. Die Schießanordnung wurde inzwischen aber bis 26. August ausgesetzt, da die Kuh schon eine Weile nicht mehr in der Nähe von Siedlungen gesehen worden sei und auch keine Straßen gekreuzt habe, wie das Gut Aiderbichl am Mittwoch berichtete. Gut Aiderbichl, ein Gnadenhof für alte und misshandelte Tiere mit inzwischen 16 Standorten in Österreich, Deutschland und der Schweiz, kaufte dem bayrischen Bauern die Kuh ab, um ihr in Deggendorf eine neue Heimat zu geben. Die hat sie vorerst freilich nicht gesehen.