• vom 21.11.2013, 17:29 Uhr

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Update: 22.11.2013, 14:23 Uhr

Literatur

McEwan, Ian: Honig




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Von Irene Prugger

  • Tarnen und täuschen
  • Ian McEwans raffinierter Agentenroman "Honig".

Der Kalte Krieg tobt nicht, er täuscht. Die Täuschungsmanöver können ziemlich raffiniert und brutal sein, aber auch auf lähmende Art bürokratisch. Das muss die zwanzigjährige Serena Frome erfahren, die Heldin von Ian McEwans neuem Roman "Honig". Nach absolviertem Mathematikstudium schlittert sie in einen Posten beim Britischen Geheimdienst M 15. Man schreibt das Jahr 1972, die weibliche Emanzipation steckt noch in den Mädchenschuhen, beim Geheimdienst ist das auch nicht anders. Und so wird die muntere Serena nicht in höheren Etagen mit wichtigen Aufgaben betraut, sondern muss in Keller-Archiven Akten schleppen und Protokolle tippen, weshalb das Nervenprickeln noch ein wenig auf sich warten lässt.

Eine Affäre könnte Abwechslung bringen, aber Serenas höherrangiger Kollege Max, der dafür in Frage käme, lässt keine Nähe zu. Beruf- und Privatleben muss man bei diesem Job strikt trennen, was letztlich keiner der involvierten Personen gelingt.

Information

Ian McEwan: Honig. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2013, 460 Seiten, 23,60 Euro.

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Als Max seinen Widerstand aufgibt, ist es bereits zu spät, denn in Serenas Agentenkarriere tut sich nun doch etwas. Sie soll den jungen Schriftsteller Tom Haley mit dem Projekt "Honig" ködern, einem geheimdienstlichen Fördersystem, das Autoren zugutekommt, die regierungskonforme Ansichten vertreten. Tom Haley, als begünstigter Künstler, weiß nichts davon. Als er sich in Serena verliebt und sie sich in ihn, beginnt ein komplexes Verwirrspiel, denn wie die Politik, hat auch die Literatur oftmals einen doppelten Boden.

Das Buch ist ein Agentenroman, der keinen "thrill" anstrebt und ohne Actionszenen auskommt, weil er auf Intelligenz und Raffinesse setzt. Zusätzliche Spannungsmomente könnten dem Roman trotzdem nicht schaden. Zu lange plätschert die Handlung unaufgeregt dahin, außerdem gerät McEwan die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Serena Frome nicht ganz so überzeugend, wie man es von den Protagonisten seiner anderen Romane gewöhnt ist.

Aber er wäre nicht der große Meister, hätte er nicht auch dafür ein stichhaltiges literarisches Argument. Um das zu erkennen, muss man bis zum Schluss des Romans lesen. McEwans geistreichen Blick auf die britische Politik und die Literaturszene kann man allerdings schon vorher genießen, denn mit Passagen voll subtilem Witz und scharfsinniger Analyse spart er auch bei diesem Buch nicht. Er nimmt sich dabei auch selbst aufs Korn, indem er Tom Haley Aspekte der eigenen Biografie zuschreibt. Für die etwas zu ausgedehnten eingestreuten Inhaltsangaben von Haleys Büchern - frühere McEwan-Geschichten lassen grüßen! - entschädigt manch unterhaltsame Insider-Szene. Wenn etwa beschrieben wird, wie es einem Jungautor geht, der nach einem fulminanten Auftritt von Martin Amis auf die Bühne muss.

Während Haley immer erfolgreicher wird, treiben die Agenten den "Krieg der Ideen" weiter, der vielversprechende Jungautor gewinnt durch Begünstigung den Austen-Preis und neue Einsichten. Jetzt ist es auch für ihn Zeit, strategisch zu denken. In diesem Roman brauchen alle Beteiligten einen guten Plan, vor allem Autor McEwan, der die Fäden glaubwürdig verknüpfen und Rätsel logisch entwirren muss. Das schafft er wieder einmal glänzend!




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-11-21 17:32:02
Letzte ńnderung am 2013-11-22 14:23:04



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