• vom 21.08.2016, 10:00 Uhr

Start-Up-Boom

Update: 02.11.2016, 10:38 Uhr

Berlin

Das Ende der Berliner Leichtigkeit




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernd Vasari aus Berlin

  • Berlin gilt als Start-up-Hauptstadt Europas. In keiner anderen europäischen Stadt ist der Hype um die Jungunternehmer größer. Doch er fordert bereits seine ersten Opfer. Droht die Stadt an ihrem eigenen Boom zu ersticken?

Die Factory Berlin (rechts) ist der inoffizielle Hauptsitz der Start-up-Szene. Barbara Jenner (Mitte) zog wegen der internationalen Kunstszene vor zehn Jahren in die deutsche Hauptstadt. Die Aufgabe des städtischen Atelierbeauftragten Florian Schmidt (links) besteht darin, leistbare Ateliers für Künstler zu finden. - © Breyer, Clark, Vasari (3)

Die Factory Berlin (rechts) ist der inoffizielle Hauptsitz der Start-up-Szene. Barbara Jenner (Mitte) zog wegen der internationalen Kunstszene vor zehn Jahren in die deutsche Hauptstadt. Die Aufgabe des städtischen Atelierbeauftragten Florian Schmidt (links) besteht darin, leistbare Ateliers für Künstler zu finden. © Breyer, Clark, Vasari (3)



Berlin steht für eine lockere und unangepasste Lebensweise, geprägt durch eine bunte Kreativszene. Die steigenden Mieten drängen sie aber zunehmend aus der Stadt.

Berlin steht für eine lockere und unangepasste Lebensweise, geprägt durch eine bunte Kreativszene. Die steigenden Mieten drängen sie aber zunehmend aus der Stadt.© Michael Breyer Berlin steht für eine lockere und unangepasste Lebensweise, geprägt durch eine bunte Kreativszene. Die steigenden Mieten drängen sie aber zunehmend aus der Stadt.© Michael Breyer

Berlin. Die Mühen der Jobsuche können unendlich sein. Man sucht und sucht und bittet und bittet. Und wenn dann nur Absagen kommen, war der ganze Aufwand umsonst. "Einen Job zu suchen, ist verlorene Zeit, die man nicht mehr zurückbekommt", sagt dazu die Künstlerin Barbara Jenner. "Ich bin früher auch durch die Bewerbungsmühle gegangen. Diese Position war mir aber irgendwann zu passiv. Heute ergreife ich selber die Initiative und stelle meine eigenen Projekte auf die Beine. Wenn ich scheitere, dann mache ich das nächste."

Information

Start-up Boom

Die "Wiener Zeitung" reiste in fünf Städte von Berlin bis nach Teheran und wirft in einer wöchentlichen Serie einen Blick in ihre Start-up-Szenen.

So wie Barbara Jenner denken viele Kreative und Freischaffende, die sich in Berlin niedergelassen haben. Sich für die Bewerbung eines schnöden Bürojobs die Zeit stehlen zu lassen, passt nicht in ihr Lebenskonzept. Sie wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen, ausprobieren und gründen.

Die deutsche Hauptstadt mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern bietet dafür das ideale Umfeld. Statt deutscher Gründlichkeit und Ernsthaftigkeit steht die Stadt für eine lockere und unangepasste Lebensweise. Unkonventionell sein und Schrägheit sind hier Eigenschaften, die den Ton angeben. Hier hat Platz, was in anderen Städten belächelt wird. Es gibt keine Nische, die für Berlin zu klein ist, um nicht existieren zu können.

Das Nachtleben ist legendär. Ganze Wochenenden kann man hier rund um die Uhr in Clubs durchfeiern. Das Wort Sperrstunde hat in der Stadt keine Bedeutung. Neben der Freizügigkeit sind es auch die breiten Straßen, die jedes Gefühl von Enge in Luft auflösen. Auf den großzügigen, belebten Gehsteigen bieten kleine Läden ihre Waren feil und betreiben Gasthäuser und Cafés ihre Schanigärten, egal zu welcher Jahreszeit.

Geringe Mieten, Currywurst und viel Leerstand

Tausende von Freischaffende und Künstler aus aller Welt zog die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten an. 200.000 Menschen arbeiten heute in Berlins Kreativwirtschaft, mehr als drei Mal so viel wie in Wien, wo es 63.000 Kreative sind. Nach dem Mauerfall wurde Berlin für sie zum Sehnsuchtsort. Hier konnte man mit wenig Geld über die Runden kommen. Geringe Mieten für Wohnungen und Ateliers, Kebab und Currywurst zum Dauertiefpreis und billiges Bier in rauen Mengen. Dazu eine schier unbegrenzte Anzahl an ungenutzten Gewerbe- und Industrieflächen und eine vielfältige internationale Szene.

Die Stadtverwaltung ließ diese immer größer werdende Szene gewähren. Sie hatte ohnehin andere Sorgen und führte ebenso ein Dasein, das vor allem aus Improvisation bestand. Die Arbeitslosigkeit war stets im zweistelligen Prozentbereich, die Infrastruktur dem Zuzug nicht gewachsen und das Budget weit überschritten. Und Projekte der Stadt, wie der Bau des internationalen Flughafens "Willy Brandt", endeten im milliardenschweren Desaster.



Auch für Barbara Jenner, schwarzes langes Haar, längsgestreiftes Hemd, ist die deutsche Hauptstadt ein Sehnsuchtsort. Vor zehn Jahren ist sie nach Berlin gezogen. In Wien, wo sie Tapisserie (Teppichweben) an der Akademie der Bildenden Künste studierte, hielt sie nichts mehr. "In Wien war es mir zu eng", erinnert sie sich. "Ich wollte nach dem Studium sofort loslegen und neue Erfahrungen machen. Berlin war dafür der richtige Ort, weil sich hier auch die internationale Kunstszene zusammen fand."

Hoher Konkurrenzdruck

Im Gegensatz zu Wien seien die Berliner sehr offen, vor allem aber neugierig. "Man kann hier ganz einfach neue Bekanntschaften machen und netzwerken", sagt Jenner. "Der Konkurrenzdruck ist natürlich hoch, aber egal was man macht, man findet meist Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen. Viele sind selbständig oder haben sogar schon eine Firma gegründet. Das steckt an. Und motiviert."

Sie selbst hat vor einem Jahr mit ihrer Partnerin Stephanie Comilang Five&Dime gegründet, einen Onlinestore für zeitgenössische Kunst. "Wir gehen weg vom teuren Unikat und machen stattdessen Editionen", sagt sie. Angesprochen werden sollen Kunstinteressierte, die sich die Preise in Galerien nicht leisten können. Präsentiert werden die Objekte etwa bei Dinnerparties in privaten Wohnungen. Darunter ein übergroßer Wandkalender der Performancekünstlerin Hanne Lippard. Zuletzt entwickelte Jenner zusammen mit der Künstlerin Iris Touliatou und der Parfumeurin Jahnvi Dameron Nandan ein Parfum.

Die Anziehungskraft Berlins für Kreative und Freischaffende hat auch mit dem lockeren Image der Stadt zu tun. Einen großen Anteil daran hatte der langjährige regierende Bürgermeister von Berlin (2001 bis 2014), Klaus Wowereit (SPD). Mit seinem Spruch "Berlin ist arm, aber sexy" trug er das Selbstverständnis der Stadt nach außen. Die Auswirkungen sind noch heute zu spüren. "Berlin is the place to be. Das glauben auch Leute, die noch nie da waren", sagt er. Die Stadt stehe als Synonym für Lebensfreude, Ausgelassenheit und Jugend. "In Berlin herrscht ein Klima, wo sich Menschen wohlfühlen, egal welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben."


weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-19 16:38:16
Letzte ─nderung am 2016-11-02 10:38:21



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Kein Punkt oder Beistrich wird geändert"
  2. EU-Digitalkommissar will an Netzneutralität festhalten
  3. Dicke Luft bei den britischen Tories
  4. Selbstversuch im Bitcoin-Fieber
  5. Stabiles Börsen-Debüt von Bitcoin
Meistkommentiert
  1. Nur Israel jubelt
  2. Selbstversuch im Bitcoin-Fieber
  3. Stabiles Börsen-Debüt von Bitcoin

Werbung




Werbung


Werbung