• vom 28.08.2016, 06:47 Uhr

Start-Up-Boom

Update: 02.11.2016, 12:09 Uhr

Riga

In Riga hat ein neues Zeitalter begonnen




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Von Bernd Vasari aus Riga

  • Die junge Generation der lettischen Hauptstadt verpasst ihrer Stadt ein neues Antlitz.



Der weltweite Erfolg des Start-ups Skype aus dem Nachbarland Estland löste in Riga einen kräftigen Start-up-Boom aus. Vasari

Der weltweite Erfolg des Start-ups Skype aus dem Nachbarland Estland löste in Riga einen kräftigen Start-up-Boom aus. Vasari Der weltweite Erfolg des Start-ups Skype aus dem Nachbarland Estland löste in Riga einen kräftigen Start-up-Boom aus. Vasari

Riga. Die dunklen Wolken der Depression sind weitergezogen. Nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch das Sowjetregime und Wirtschaftskrisen mit hoher Arbeitslosigkeit ist Riga zu einem Ort geworden, der wieder mit Optimismus in die Zukunft blickt. Noch vor acht Jahren war die Stadt das Zentrum jenes Staates mit der tiefsten Rezession in der gesamten EU. Zu Tausenden verließen die Letten ihr Land, um woanders ihr Glück zu versuchen. Mittlerweile hat sich die Stimmung jedoch gedreht. Heute weht ein frischer Wind durch die Stadt an der Ostsee.

Es ist vor allem die junge Generation, die Riga mit seinen 700.000 Einwohnern ein neues Leben einhaucht. Menschen, die kurz vor oder nach dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurden und die nun erwachsen sind. Das Leben unter dem Terrorregime, wo ein falscher Satz genügte, um den Rest seines Lebens in einem sibirischen Gulag zu verbringen, kennen sie nur noch aus Erzählungen und Geschichtsbüchern.

Der Aufbruch in die neue Zeit beginnt in der Vorstadt, fernab der auf Hochglanz polierten mittelalterlichen Altstadt, durch die sich täglich Unmengen von Touristen schieben. Hier an den beiden Verkehrsadern Miera iela (Friedensstraße) und Brivibas iela (Freiheitsstraße) haben sich die jungen Rigaer niedergelassen. Stück für Stück erobern sie die dort befindlichen brachliegenden Industrieflächen aus der Sowjetzeit.

Geringer Druck auf Immobilien

Stück für Stück werden die brachliegenden Fabriken aus der Sowjetzeit zu Cafés, Galerien und Büroräumen umgewandelt. Villu Arak (r. o.) ist erfolgreicher Start-up-Gründer. Imants Berzins und Tom Seisums (o. M.) sind hingegen noch auf der Suche nach Investoren.

Stück für Stück werden die brachliegenden Fabriken aus der Sowjetzeit zu Cafés, Galerien und Büroräumen umgewandelt. Villu Arak (r. o.) ist erfolgreicher Start-up-Gründer. Imants Berzins und Tom Seisums (o. M.) sind hingegen noch auf der Suche nach Investoren. Stück für Stück werden die brachliegenden Fabriken aus der Sowjetzeit zu Cafés, Galerien und Büroräumen umgewandelt. Villu Arak (r. o.) ist erfolgreicher Start-up-Gründer. Imants Berzins und Tom Seisums (o. M.) sind hingegen noch auf der Suche nach Investoren.

Dort, wo früher im Akkord geschuftet wurde, entstehen heute Szenecafés, Kunstgalerien und loftartige Büroräume. Statt mit schweren Maschinen wird in den alten Anlagen nun auf dem Laptop gearbeitet und Café Latte getrunken. Statt müde aussehender Arbeiter mit grauen Gesichtern - Jungunternehmer mit Hipsterbärtchen in schicken Hosen und T-Shirts. Die Zeitzeugen aus der dunklen Vergangenheit sind heute die Spielwiese für Innovation und Kreativität. Und das zum Bestpreis.

Aufgrund des enormen Leerstands in der Stadt ist der Druck auf Immobilien sehr gering. Die Mietpreise sind günstiger als in den meisten anderen europäischen Städten. Wohnungen mit 60 Quadratmetern findet man hier um 300 Euro pro Monat. Zudem lässt einen die Stadt gewähren. "Man kann machen, was man will, noch dazu sehr billig", heißt es immer wieder. Ein klarer Vorteil im Vergleich zu anderen Städten, vor allem jenen in Westeuropa. Immer mehr junge Rigaer entscheiden sich daher, in ihrer Stadt zu bleiben und den großen Freiraum zu nutzen.

Viele von ihnen suchen ihr Glück in der Gründung von Start-ups. Schließlich sind die Chancen auf Erfolg in den vergangenen Jahren beträchtlich gestiegen. Eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung spielt die lettische Regierung, die Programme verabschiedete mit dem Ziel, das wirtschaftliche Ökosystem zu fördern. So wurden etwa EU-Gelder auf private Fonds aufgeteilt, die in Folge als Investoren und Mentoren von Jungunternehmern auftreten. Plattformen wurden gegründet und die Behördengänge vereinfacht.

Weiters setzte man auf große Vernetzungstreffen, wie etwa dem "Silicon Valley comes to the Baltics", an dem mehr als 600 Unternehmer und Investoren teilnahmen. Erfolgreiche Unternehmer aus dem Silicon Valley hielten Vorträge und veranstalteten sogenannte Boot Camps, bei denen sie Jungunternehmern die Grundlagen für ein erfolgreiches Start-up vermittelten.

Eng vernetzt mit den Nachbarländern

Ein wichtiger Faktor für das aufblühende Ökosystem ist auch die Intensivierung der Zusammenarbeit mit den beiden Nachbarländern Estland und Litauen, allen voran zwischen den Hauptstädten Riga, Tallinn und Vilnius. Der Austausch scheint zu funktionieren. Auf Veranstaltungen, auf denen Rigaer ihre Start-ups vorstellen, ist es selbstverständlich, auch Jungunternehmer aus Tallinn und Vilnius anzutreffen.

Ein Beispiel dafür ist der monatlich stattfindende TechHub in der Spikeru koncertzale, die sich in einem ehemaligen Warenhaus mit hohen Wänden aus rotbraunen Sichtziegeln befindet. Hier zwischen dem Fluss Daugava (deutsch: Düna), der Eisenbahnbrücke und den Markthallen, die ursprünglich als Hangar für Zeppeline dienten, bekommt jeder Jungunternehmer die Chance sein Projekt vor Publikum vorzustellen. Die Verkehrssprache ist Englisch.

Es werden Bierflaschen verteilt, die Stimmung ist gelöst. Die Vortragenden sprechen jeweils zehn Minuten über ihr Start-up und wie viel Geld sie dafür benötigen. Danach werden sie vom Publikum mit Fragen gelöchert.

Tom Seisums (24) und Imants Berzins (32) wagen sich auch auf die Bühne. Die beiden Rigaer, die langen Haare zu einem Zopf gebunden, Jeans und Karohemd, stellen ihr nur wenige Monate zuvor gegründetes Computerspiel Flickade vor.

Das Spiel orientiert sich an dem russischen Geschicklichkeitsspiel Tschapajew. Bei dem traditionellen Brettspiel gibt es zwei Spieler, die gegeneinander mit Steinen antreten. Durch das Schnipsen der eigenen Steine mit dem Zeigefinger wird versucht, die Steine des Gegners vom Brett zu stoßen, ohne dass dabei die eigenen vom Feld fallen. Bei der virtuellen Ausgabe von Flickade ist das Spielfeld kein Brett, sondern eine virtuelle Spielhalle mit Türmen und Gängen, durch die die Steine bugsiert werden müssen.

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Dokument erstellt am 2016-08-26 16:47:08
Letzte ─nderung am 2016-11-02 12:09:55



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