• vom 04.09.2016, 14:00 Uhr

Start-Up-Boom

Update: 28.10.2016, 15:49 Uhr

Tel Aviv

Neue Gründerzeit




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Von Bernd Vasari aus Tel Aviv

  • Jungunternehmer machen Tel Aviv zu einer Hochburg der internationalen Start-up-Szene.



Ein intensives Partyleben und lange Arbeitszeiten sind in Tel Aviv kein Widerspruch.

Ein intensives Partyleben und lange Arbeitszeiten sind in Tel Aviv kein Widerspruch.© Bernd Vasari Ein intensives Partyleben und lange Arbeitszeiten sind in Tel Aviv kein Widerspruch.© Bernd Vasari

Tel Aviv. "Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben, die Dinge zu tun, die du immer tun wolltest. Tu es jetzt!"

Keine Zeit zu verlieren, jeden Tag zu leben, als ob es der letzte wäre, auszuprobieren. Es ist nur eine Parole von vielen, die man in den zahlreichen Start-up-Büros von Tel Aviv findet. Die Jungunternehmer kritzeln sie mit Filzstiften auf Glaswände oder schreiben sie auf bunte Post-its, die sie auf ihren Laptop kleben, um sich anzuspornen. Die Parole fasst aber auch all jenes zusammen, wofür die israelische Stadt am Mittelmeer steht.

Auf den ersten Blick wirkt Tel Aviv mit seinen kilometerlangen Stränden, über 300 Sonnentagen und seinem pulsierenden Nachtleben wie ein unbeschwerter, lebensfroher Ort, ideal für das süße Nichtstun. Junge, gut aussehende Menschen in kurzen Hosen und Sommerkleidern mit dem Laptop unter dem Arm sieht man hier zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch was ungezwungen und entspannt aussieht, ist in Wahrheit ein Leben auf der Überholspur.

In Tel Aviv muss es schnell gehen. Modetrends ändern sich drei Mal pro Jahr und selbst die Fahrräder stehen unter Strom. Hier ist alles ständig in Bewegung. Es gibt 24 Stunden Frühstück, die Supermärkte haben immer geöffnet und wer einen draufmachen will, kann dies ebenso jederzeit tun.

Gerade einmal 420.000 Einwohner leben in Tel Aviv. Ungefähr ein Viertel von Wien. Die Infrastruktur ist aber die einer Metropole, vor allem was das Ausgehen betrifft. Rund 1750 Bars, Cafés und Nachtclubs gibt es in der Stadt - also eine Bar, ein Café oder ein Nachtclub für etwa 230 Einwohner.

Geprägt wird Tel Aviv durch zahlreiche Jungunternehmer, die Selbständigkeit und Unabhängigkeit schätzen und sich nicht von Sperrstunden oder Arbeitszeitregelungen eingrenzen lassen wollen. Ein Start-up zu gründen, gehört in Tel Aviv zum Alltag wie Zähne putzen oder Staub saugen.

972 Start-ups gab es Ende 2014, das sind 19 pro Quadratkilometer oder eines für 431 Einwohner. Damit hat Tel Aviv einer der weltweit höchsten Konzentrationen von Start-ups in einer Stadt. In Wien gibt es vergleichsweise etwa 670 Start-ups. Das sind 1,6 Start-ups pro Quadratkilometer sowie ein Start-up für 2747 Einwohner.

"Die Stadt hat immer offen und es ist alles zu Fuß erreichbar", sagt Lior Yoav, aufgekrempelte Ärmel, kurz geschnittenes Haar und Dreitagebart. Für den Gründer und Chef des IT-Start-ups PartitionDB ein wichtiger Faktor. Als junger Unternehmer müsse man schließlich flexibel sein, sagt er. Das gehe aber nur in einem flexiblen Umfeld. Und Tel Aviv sei dafür genau die richtige Adresse.

Das Büro seiner Firma befindet sich im südlichen Szeneviertel Florentin. Secondhandläden, Galerien und Graffiti an den Wänden prägen die Straßen mit ihren zahlreichen im Bauhausstil errichteten weißen Häusern. In einer Seitengasse der vielbefahrenen Shocken Street hat sich Lior Yoav in einen Co-Working Space mit dem Namen "Hubspace" eingemietet. So wie etwa ein weiteres Dutzend an Jungunternehmern. Mit Glaswänden sind ihre dicht aneinander gereihten Büros voneinander getrennt. Erfolg wird hier in Quadratmetern gemessen. Wer erfolgreicher ist, kann sich mehr Platz leisten und arbeitet in einem größeren Büro.

"Wenn mir nichts einfällt, gehe ich surfen"

Yoav teilt sich gemeinsam mit seinen beiden Mitarbeitern einen kleinen Raum, in dem drei Tische zusammengestellt wurden. Mehr als zehn Stunden pro Tag verbringen sie vor ihren Laptops, die einzigen Einrichtungsgegenstände in dem Raum. Zehn Stunden am Stück sind es aber selten.

Zwischendurch werden immer wieder Pausen eingelegt, in denen Yoav und seine Mitarbeiter das Büro verlassen und anderen Tätigkeiten nachgehen. Unternehmer zu sein, sei kein Bürojob, wo man um 9 Uhr beginnt und um 17 Uhr wieder Feierabend mache, erklärt Yoav. Schließlich würden Ideen kommen und gehen, wann sie wollen, sagt er. "Wenn mir einmal nichts einfällt, nehme ich mein Brett und gehe ans Meer surfen oder treffe Freunde in einem Café, ganz egal zu welcher Uhrzeit."

Von einer geregelten Arbeitszeit sind auch die anderen Jungunternehmer in dem Co-Working Space weit entfernt. Die Zeiteinteilung erfolgt oftmals spontan, wie Alon Askal, Leiter von Hubspace, erklärt: "Einige Unternehmer gehen am Vormittag an den Strand, beginnen erst um 14 Uhr zu arbeiten und bleiben dann bis tief in die Nacht. Andere arbeiten lieber am Vormittag."

Trotz aller Lockerheit beträgt die Wochenarbeitszeit von Jungunternehmern in Tel Aviv zwischen 60 und 80 Stunden. In der Start-up Szene zuckt man darüber für gewöhnlich mit den Schultern. "Schlafen kann ich auch, wenn ich tot bin", heißt es dann. Außerdem: Wer mehr arbeite, könne ohne schlechtes Gewissen auch mehr feiern.

Kostenloses WLAN im öffentlichen Raum

Kräftige Unterstützung erhalten die Gründer von der Stadtverwaltung. Zuständig ist der Bürgermeister Ron Huldai (Awoda, Sozialdemokraten) höchstpersönlich. "Wir sind eine Stadt von Unternehmern", sagt seine Sprecherin Mira Marcus. "In Tel Aviv hat jeder eine Idee für ein Start-up und auch den Mut, diese Idee umzusetzen." Das müsse gefördert werden.


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Schlagwörter

Tel Aviv, Apple, ICQ, Start-up-Boom

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 16:26:14
Letzte nderung am 2016-10-28 15:49:08



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