• vom 25.09.2016, 10:02 Uhr

Start-Up-Boom

Update: 04.10.2016, 12:53 Uhr

Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise




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Von Bernd Vasari aus Athen

  • Nach sieben Jahren Krise sind Jobs in Athen rar geworden. Immer mehr Athener gründen daher Start-ups.



Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und keine Aussicht auf Besserung. In der griechischen Hauptstadt haben die Bürger zu spüren bekommen, was es heißt, eine wirtschaftliche und politische Krise zu durchleben.

So mussten sie etwa massenhafte Entlassungen, die drastische Reduzierung der Pensionsgelder und für eine kurze Zeit sogar die maximale Behebung von 60 Euro aus dem Bankomaten pro Tag ertragen. Bereits sieben Jahre dauert die Krise. Wer die Mittel hat, verlässt die Stadt, um woanders ein neues Leben zu beginnen. Vor allem Akademiker haben in den vergangenen Jahren das Weite gesucht.

Doch es gibt sie noch, gut ausgebildete Athener, die an ihre Stadt glauben und geblieben sind. So wie Maria Calafatis. Sie hat die Stadt nicht verlassen, obwohl sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Jahrelang arbeitete sie in der britischen Botschaft und verdiente dabei überdurchschnittlich gut, wie sie erzählt. Zu Beginn der Krise wurde sie gekündigt, bekam jedoch eine stattliche Abfertigung. "Das Geld zu nehmen und einfach abzuhauen, ist aber nicht meine Art", sagt sie. "Ich wollte es lieber in Athen investieren und hier etwas Neues aufbauen."

Gemeinsam mit ihrem Mann Stavros Messinis gründete sie daraufhin den Coworking Space Colab, Griechenlands erstes Gemeinschaftsbüro für Start-ups. Vor sechs Jahren wurde es eröffnet. Mit ihrer Pionierarbeit hatten Calafatis und Messinis Erfolg. Heute sind sie die Geschäftsführer von The Cube, Griechenlands größtem Start-up-Campus.

Der Campus liegt in einer Seitengasse des berüchtigten Anarcho-Viertels Exarchia, das sich hinter dem zentralen Omonia-Platz ausdehnt. Engverbaute Straßenzüge mit zahllosen grünen Topfpflanzen, kleinen Läden und Graffitis prägen das Viertel. Dazwischen haben sich Bars und Cafés angesiedelt, die sich bis auf die Gehsteige ausbreiten. Sie sind stets gut besucht von jungen, Instantkaffee mit Eiswürfel schlürfenden Athenern.

Keine Jobgarantie mehr vom Staat

Die Polizei ist in dem friedlich wirkenden Viertel hingegen kaum zu sehen, und wenn, dann nur mit gepanzerten Fahrzeugen und in Vollmontur. Dass sie hier nicht willkommen sind, wissen sie. Zu oft sind sie mit den Bewohnern aneinandergeraten bei den Umbrüchen und Revolutionen, die stets in Exarchia ihre Keimzelle haben. Straßenschlachten, Molotowcocktails und brennende Polizeiautos sind hier nichts Ungewöhnliches, vor allem seitdem das Land in der Wirtschaftskrise steckt.

"Die junge Generation ist in harte Zeiten hineingeboren. Das System unterstützt sie nicht mehr", sagt Calafatis. "Früher waren die Athener es gewohnt, einen guten Job beim Staat zu bekommen", sagt sie. "Sie hatten einen Freund oder Verwandte, die ihnen einen Arbeitsplatz garantierten." Das sei mittlerweile aber nicht mehr möglich, denn der Staat habe seit der Krise keine Jobs mehr zu verteilen. Selbst mit einem Universitätsabschluss hat man mittlerweile nur noch geringe Chancen auf eine Anstellung.

Calafatis zuckt mit den Schultern. Nun könne man daran verzweifeln oder die Krise auch als Chance sehen. Die Unternehmerin hat sich für die zweite Variante entschieden. "Die Jungen beginnen, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen, und ich will sie unterstützen und bei dieser Entwicklung dabei sein."

Neben der Gründung von Colab organisierte sie die ersten Start-up-Events in Athen. "Ich habe versucht, meine Kontakte zu nutzen und Gründer mit Investoren zu vernetzen", erzählt Calafatis. Mit Erfolg, wie die Geschichte des damals bei Colab ansässigen Start-ups, Taxi Beat, zeigt.

Gegründet wurde das Start-up im Mai 2011. Auf den Athener Straßen flogen gerade Pflastersteine bei den Protesten gegen die Sparprogramme der Regierung und die Ratingagentur Standard & Poors senkte die ohnehin schon auf Ramschniveau eingestufte Kreditwürdigkeit Griechenlands. Inmitten dieses Ausnahmezustands zettelte das Start-up seine eigene Revolution an.

Start-up revolutioniert Taxibranche

Mit der von Taxi Beat entwickelten Gratis-App können Kunden per Smartphone ihre Taxifahrer bewerten und selber aussuchen. Statt das nächstbeste Taxi per Handzeichen zu rufen, kann der gewünschte Fahrer mittels App bestellt werden. Viele Athener schienen auf diese Möglichkeit geradezu gewartet zu haben. Das Start-up wurde in kürzester Zeit bekannt. Taxifahren in Athen glich damals einer Fahrt ins Nirwana. Komplizierte Routen durch das enge Gassengewirr, um die Preise zu erhöhen, grantige Fahrer und schmutzige Autos gehörten zur Normalität. Die App von Taxi Beat hat diese Normalität beendet. Um schlechten Bewertungen zu entgehen, begannen die Taxifahrer ihr Verhalten schlagartig zu ändern.

Ungeachtet der Krise investierten griechische Unternehmer nur ein halbes Jahr nach der Gründung von Taxi Beat zwei Millionen Euro in das Start-up. Weitere sechs Monate später expandierte Taxi Beat bereits nach Oslo, Bukarest, Paris, Rio de Janeiro und Sao Paulo. Der Erfolg von Taxi Beat bestärkte auch andere junge Athener, ein Start-up zu gründen. Die Büroflächen bei Colab von 100 Quadratmetern wurden bald zu klein. "Wir mussten den nächsten Schritt wagen", erzählt Calafatis. "Vor drei Jahren sagte ich zu Stavros: Lass uns groß werden oder heimgehen." Wenig später eröffneten sie The Cube in einem siebenstöckigen Haus. Auf 1700 Quadratmeter Büroflächen beherbergt der Campus derzeit 20 Jungunternehmer.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-23 16:05:11
Letzte nderung am 2016-10-04 12:53:25



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