• vom 18.09.2016, 14:22 Uhr

Syrien - Ein zerstörtes Land

Update: 18.09.2016, 14:38 Uhr

Russland fordert Aufklärung von USA über Luftangriff in Syrien




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Von WZ Online, APA, dpa

  • Opferzahl nach US-Luftangriff in Syrien auf 90 gestiegen

DIe USA und Russland geraten in Syrien immer stärker aneinander. - © APAweb/REUTERS, Abdalrhman Ismail

DIe USA und Russland geraten in Syrien immer stärker aneinander. © APAweb/REUTERS, Abdalrhman Ismail

Damaskus/New York.  Ein offenbar versehentlicher Luftangriff der US-geführten Koalition auf die syrische Armee hat das Verhältnis zwischen Washington und Moskau vor eine neue Zerreißprobe gestellt. Bei dem Angriff im Osten des Landes wurden am Samstag nach russischen Angaben 62 syrische Soldaten getötet und hundert weitere verletzt.

Wie die in Großbritannien ansässige "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" am Sonntag berichtete, dauerte der Angriff nahe der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor (Dair as-Saur/Deir Essor) rund 40 Minuten; 90 Menschen seien dabei ums Leben gekommen. Der UN-Sicherheitsrat kam auf Antrag Moskaus zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, bei der US-Botschafterin Samantha Power den Vorfall bedauerte.

Nach russischen Angaben drangen zwei F-16- und zwei A-10-Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition vom Irak aus in den syrischen Luftraum ein. Die Jets hätten vier Angriffe gegen von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) umzingelte Stellungen der Regierungstruppen nahe dem Flughafen von Deir ez-Zor geflogen.

Information

Die Syrienvereinbarung Lawrows und Kerrys

Die Außenminister der USA und Russlands, John Kerry und Sergej Lawrow, hatten in der Nacht vom 9. zum 10. September einen Friedensplan für Syrien vorgestellt. Dessen Hauptziele sind, die Gewalt in dem seit fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg zu reduzieren und Syrien mit seinen Konfessionen und Volksgruppen zu erhalten.

Vereinbart wurde unter anderem:

1. Am 12. September trat zum Sonnenuntergang für 48 Stunden eine Waffenruhe in Kraft. Sie wurde jeweils um weitere 48 Stunden verlängert.

2. Sofern die Waffenruhe eine Woche hält, werden die USA und Russland ihren Kampf gegen islamistische Terrorgruppen wie den Islamischen Staat (IS) und den Al-Kaida-Ableger Fatah-al-Sham-Front (früher: Al-Nusra-Front) koordinieren. Dazu soll ein "Joint Implementation Center (JIC)" gebildet werden.

3. Die Einrichtung des JIC wird seit vergangenem Montag vorbereitet. Dazu tauschen Russland und die USA Informationen über die Gebiete der Al-Nusra und der Oppositionsmilizen in den Kampfzonen aus.

4. Während der Waffenruhe sollte freier Zugang zu belagerten Orten für humanitäre Zwecke geschaffen werden.

5. Im lange umkämpften Aleppo sollte entlang einer der wichtigsten Verkehrsrouten in die Rebellengebiete im Osten der Stadt eine entmilitarisierte Zone geschaffen werden. Damit soll humanitäre Hilfe möglich gemacht werden. .

6. Die syrische Luftwaffe soll in den von den USA und Russland gemeinsam festgesetzten Gebieten mit Oppositionspräsenz keine Kampfeinsätze fliegen. In diesen Gebieten sollen laut Lawrow nur Russland und die USA Flugzeuge einsetzen dürfen. Das soll laut Kerry verhindern, dass Damaskus unter dem Vorwand, Al-Nusra anzugreifen, gemäßigte Rebellen bombardiert.

7. Russland und die USA werden einen politischen Übergang in Syrien erleichtern, der alleine den Krieg dauerhaft beenden kann.

Nach Angaben der syrischen Armee mussten sich ihre Soldaten nach den Luftangriffen zurückziehen und zwei strategisch wichtige Hügel in der Nähe des Flughafens dem IS überlassen. Am Sonntag hätten die Truppen aber eine neue Gegenoffensive gestartet "und einigen Boden zurückgewonnen", hieß es aus Armeekreisen. Dabei seien die Soldaten durch Luftangriffe Russlands unterstützt worden.

Die Hügel nahe des Flughafens sind von strategischer Bedeutung: Sollte der IS die Kontrolle behalten, könnten die Jihadisten alle startenden und landenden Flugzeuge von dort aus unter Beschuss nehmen. Die Stadt Deir ez-Zor und der Flughafen sind unter Regierungskontrolle, sie werden aber seit 2012 vom IS belagert und sind auf Versorgung durch die Luft angewiesen.

Nach Angaben des Pentagons gingen die Koalitionstruppen bei den Luftangriffen davon aus, dass sie IS-Stellungen attackierten. Die Koalition habe die Luftangriffe "sofort eingestellt", als sie von russischer Seite darüber informiert worden sei, dass sie möglicherweise auf syrisches Militär ziele. US-Botschafterin Power sagte bei der UNO in New York, es sei "nicht die Absicht" gewesen, syrisches Militär zu treffen. Die USA bedauerten "den Verlust von Menschenleben" und würden den Vorfall untersuchen.

Zugleich griff Power Russland, das die Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates verlangt hatte, scharf an und warf ihm "Doppelmoral" und "Effekthascherei" vor. Die syrische Regierung greife "mit einer beängstigenden Regelmäßigkeit bewusst zivile Ziele an", und Russland tue nichts, um dies zu verhindern.

Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin warf seinerseits den USA vor, sich nicht an die Vereinbarung zu halten, von Angriffen auf syrische Stellungen abzusehen. Dies sei ein "schlechtes Vorzeichen" für die zwischen den USA und Russland vereinbarte Waffenruhe in Syrien.

Diese wurde allerdings ohnehin schon zuletzt zunehmend gebrochen. Die Zahl der Angriffe habe sich "in den vergangenen 24 Stunden deutlich erhöht", sagte der russische General Wladimir Sawschenko im Fernsehen. Das Verteidigungsministerium in Moskau machte moderate Rebellen für die Angriffe verantwortlich.

Weiterer Streitpunkt zwischen Washington und Moskau sind die zusammen mit der Waffenruhe vereinbarten Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung in Syrien, die bisher nicht begonnen haben. US-Präsident Barack Obama warf der syrischen Führung vor, die humanitäre Hilfe bewusst zu blockieren. Washington macht eine militärische Kooperation mit Moskau im Kampf gegen Dschihadisten davon abhängig, dass die Hilfslieferungen die Bevölkerung erreichen.

Eine solche militärische Kooperation wollten Moskau und Washington entsprechend ihrer Einigung eigentlich beginnen, wenn die am Montag in Kraft getretene Feuerpause eine Woche hält. Doch auch dies scheint durch die Luftangriffe auf syrische Soldaten in weite Ferne gerückt: "Wenn den Luftangriffen ein Irrtum bei den Zielkoordinaten zugrunde liegt, wäre dies eine direkte Folge der Weigerung der USA, ihre Einsätze gegen die terroristischen Gruppen in Syrien zu koordinieren", erklärte die russische Armee. Die zwischen Washington und Moskau ausgehandelte Waffenruhe gilt nicht für Gebiete, in denen Jihadisten aktiv sind.

Russland fordert von den USA eine umfassende Aufklärung des irrtümlichen Luftangriffs auf syrische Regierungssoldaten mit etwa 90 Toten. Zugleich kritisierte das russische Außenministerium in Moskau am Sonntag das Verhalten der USA im UN-Sicherheitsrat.

Bei der Sitzung in New York hätten die US-Diplomaten den Vorfall nicht erklären können, aber "auf ihre übliche Art versucht, alles ins Gegenteil zu verkehren", hie es in einer offiziellen Erklärung. Die angreifenden Piloten hätten, wenn es nicht auf Befehl geschehen sei, "an der Grenze zwischen verbrecherischer Schlamperei und direkter Rücksichtnahme auf IS-Terroristen" gehandelt. Der Fehler sei Resultat der Weigerung der USA, sich beim Einsatz in Syrien eng mit Russland abzustimmen, erklärte das Ministerium.

Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition hatten am Samstag nahe der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor Bomben auf Stellungen der syrischen Armee geworfen.

Opferzahl nach US-Luftangriff in Syrien auf 90 gestiegenDie Zahl der getöteten syrischen Soldaten nach einem US-Luftangriff ist nach Angaben von Aktivisten auf 90 gestiegen. Wie die in Großbritannien ansässige "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" am Sonntag weiter berichtete, hat der Angriff nahe der ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor (Dair as-Saur) rund 40 Minuten lang gedauert.

Dabei seien verschiedene Positionen der Regierungstruppen in der Nähe eines Militärflughafens getroffen worden. Die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana hatte zunächst mit Verweis auf das örtliche Militärkommando von mindestens 60 getöteten Soldaten und mehr als 100 Verletzten gesprochen.

In einer Erklärung von Pentagon-Sprecher Peter Cook heißt es, die Piloten seien davon ausgegangen, dass sie Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angriffen. Außerdem sei Russland im Voraus informiert worden, dass Kampfflugzeuge der Koalition in dem Gebiet operieren würden. Dagegen seien keine Bedenken geäußert worden. Die USA bedauerten, falls irrtümlicherweise Positionen des syrischen Militärs getroffen worden seien, heißt es in der Erklärung.

IS schießt syrischen Kampfjet abDie Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat nach eigenen Angaben einen Kampfjet der syrischen Luftwaffe abgeschossen. Wie das IS-Sprachrohr Amak am Sonntag berichtete, hätten IS-Kämpfer das Flugzeug in der Nähe der ost-syrischen Stadt Deir ez-Zor abgeschossen. Sicherheitskreise des syrischen Militärs bestätigten der Deutschen Presse-Agentur den Abschuss.

Die in Großbritannien ansässige "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" berichtete, dass der Pilot der MiG-21 getötet worden sei. Demnach sei das Flugzeug beim Angriff auf IS-Stellungen abgeschossen worden. Der Kampfjet sei Teil einer Offensive gewesen, um die Jihadisten zurückzudrängen.

Die Terrormiliz war am Samstag gegen die Regierungstruppen nahe Deir ez-Zor vorgerückt, nachdem die von den USA geführte Koalition möglicherweise versehentlich syrische Stellungen in der Gegend angegriffen und nach Beobachterangaben 90 Soldaten getötet hatte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-18 14:28:57
Letzte nderung am 2016-09-18 14:38:08




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