• vom 23.12.2015, 07:33 Uhr

Libanon

Update: 23.12.2015, 08:00 Uhr

Flüchtlinge

Libanons vergessene Flüchtlinge




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Von WZ Online, APA

  • Zehntausende syrische Flüchtlinge sind im Libanon von Lebensmittelhilfen ausgeschlossen.

Beirut. Kazithas sieht aus wie eine alte Frau. Ihr sonnengegerbtes Gesicht ist von unzähligen Falten durchzogen, die braunen Augen liegen in tiefen Höhlen, die Hände sind rissig. Dabei ist die Syrerin erst 40, aber der alltägliche Horror des syrischen Bürgerkrieges, all die Angst, Trauer und Verzweiflung haben sie schneller altern lassen.

Seit ihr Ehemann vor fünf Monaten bei einem Bombenangriff auf das ostsyrische Deir el-Zor starb, der das gemeinsames Haus in Schutt und Asche legte, trägt Kazitha nur noch Schwarz. Damals traf sie auch die Entscheidung, mit ihren fünf Töchtern und ihrem Sohn in den Libanon zu fliehen. Obwohl ihre Ersparnisse nach fünf Jahren Bürgerkrieg längst aufgebraucht, die Grenzen dicht und der illegale Weg über die Bergkette zwischen den beiden Staaten höchst gefährlich war. "Ich wollte nicht auch noch eines meiner Kinder verlieren", sagt sie.

1,5 Millionen Flüchtlinge im Libanon

Die Tränen, die ihr dabei über die Wange laufen, zeigen wie schwer dieses Leben in der Fremde jeden Tag aufs Neue ist. Denn Kazitha und ihre sechs Kinder gehören zu jenen, für die im kleinen Libanon mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern und den mehr als 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen eigentlich kein Platz mehr ist. Vor allem in der Bekaa-Ebene, im unmittelbaren Grenzgebiet zu Syrien, drängt sich ein Flüchtlingslager an das nächste, ist die Landschaft geprägt von den weißen Zeltplanen des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR).

Deshalb traf die libanesische Regierung im Mai eine radikale Entscheidung, nachdem sie bereits vor rund einem Jahr die Grenzen für syrische Schutzsuchende geschlossen hatte. Seit 6. Mai und rückwirkend bis Anfang Jänner ist es dem UNHCR untersagt, Neuankömmlinge zu registrieren. Doch ohne Registrierung können diese jederzeit abgeschoben werden und - was noch viel schwerer wiegt - haben keinen Anspruch auf die Hungerhilfe des World Food Programme (WFP) in Höhe von aktuell 21 Dollar (19 Euro) pro Person und Monat. Ohne Papiere, kein Geld. Für Menschen wie Kazitha, die alles verloren haben, eine Katastrophe.

Der Wintereinbruch kommt

Und so hat die Syrerin nach fünf Monaten im Libanon schon gewaltige Schulden beim "Shawish", eine Art Lagerleiter, angehäuft. Die 30 Quadratmeter-Parzelle auf der ihre Behausung steht, kostet inklusive Wasser und Strom 120 Euro Miete pro Monat. Den ohnehin schon knappen Platz teilt sich die Familie noch mit einer weiteren Witwe und ihren sechs Kindern. Hinter dem Zelt ist fein säuberlich trockenes Reisig aufgeschichtet. Kazitha hat es gesammelt und in großen Bündeln auf ihrem Rücken nach Hause getragen. Für den Winter, der spätestens ab Jänner Schneestürme über die Bekaa-Ebene fegen lässt. Oder nie enden wollenden Regen schickt, der ganze Zelte unter Wasser setzt.

Dann wird auch die bisher einzige Einkommensquelle der Familie versiegen: die Arbeit auf den fruchtbaren Feldern der Bekaa-Ebene - selbstverständlich illegal, ohne Versicherung und für nur vier Dollar pro Tag. Dort ist Kazithas Mitbewohnerin gerade, auch einige der Kinder fehlen. "Sie sind spielen", sagt die Syrerin. Vielleicht schämt sie sich aber auch nur zuzugeben, dass auch ihre Kinder statt in die Schule zur Arbeit gehen. Laut UNHCR ist die Kinderarbeit zuletzt stark gestiegen.

Angst vor Übergreifen des Konflikts

Wieviele syrische Flüchtlinge in einer ähnlichen Lage wie Kazitha sind, kann niemand so recht beantworten. Zumindest 50.000 hätten seit Mai um eine Registrierung gebeten, die ihnen verwehrt worden sei, heißt es vonseiten des UNHCR. Mit knapp 1,1 Millionen offiziell registrierten Flüchtlingen und mindestens 500.000 weiteren im Land, dürfte die Dunkelzahl aber viel höher liegen.

Doch auch für legal im Land lebende Flüchtlinge, wird das Leben immer schwieriger. Das liegt nicht nur an ihrer hohen Anzahl, sondern auch an der Angst, der Konflikt im Nachbarland könnte auf den multikonfessionellen Libanon mit seinen etwa gleich großen Gruppen von Sunniten, Schiiten und Christen übergreifen. Erst kürzlich ließ die Armee 23 Flüchtlingslager in der Nähe von Kontrollposten des libanesischen Militärs räumen, weil das Gerücht die Runde machte, Extremisten würden von einem dieser Camps aus Anschläge auf Soldaten planen.

 "Das Leben wird immer schwieriger"

Kaum zwei Kilometer von Kazitha und fünf Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, wird eines dieser Lager gerade an einem neuen Ort wieder aufgebaut. Ein Bulldozer schiebt groben weißen Schotter zwischen die Zelten, um Überflutungen im Winter zu verhindern. Der Lärm übertönt die daneben spielenden Kinder. "Das Leben wird immer schwieriger", klagt Majed Shab, der Shawish der neuen Ansiedlung. "Früher haben sich die Menschen hier sicher gefühlt, aber heute ist alles anders."

Manche Lager seien schon dreimal umgesiedelt worden, erzählt Shab, der selbst 2011 aus dem syrischen Homs geflüchtet ist. "Das kostet jedes Mal Geld." Und immer wieder würden den Behörden neue Vorschriften einfallen, erst kürzlich sei die maximale Zeltanzahl pro Lager mit 50 begrenzt worden. Hinzu kämen die gestiegenen Mietpreise für die Grundstücke sowie die 200 Dollar, die jährlich für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung fällig würden. Um diese zu erhalten, müssen sich die Syrer zudem verpflichten, nicht zu arbeiten. Auch deshalb steigt die Zahl jener, die hoffnungslos verschuldet sind, unaufhörlich. Fast 90 Prozent waren es laut UNHCR Ende 2015.

"Die ersten sind schon zurück nach Syrien gegangen"

Vor diesem Hintergrund sind Kürzungen der Hungerhilfe durch das WFP - ausgelöst durch die fehlende Zahlungsmoral westlicher und arabischer Staaten - besonders schmerzlich. Im Sommer wurde der Betrag von 28 auf 14 Dollar pro Person und Monat halbiert, erst kürzlich konnte er wieder auf 21 Dollar angehoben werden. "Die ersten sind schon zurück nach Syrien gegangen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten hierzubleiben", sagt Shab. Und natürlich würden viele Familien mit dem Gedanken spielen, nach Europa zu gehen. "Die Flüchtlinge haben hier keine Perspektive, man kann es ihnen nicht vorwerfen, wenn sie gehen", sagt auch die österreichische Botschafterin im Libanon, Ursula Fahringer.

Dennoch führt für jene, die schon länger im Libanon sind, der Weg häufiger zurück nach Syrien, als nach Europa. 149.000 Menschen hat das UNHCR zwischen Jänner und September in ihrer Datenbank deaktiviert, weil sie nicht mehr auffindbar waren, sagt die Sprecherin des libanesischen Büros der Organisation, Lisa Abou Khaled. Wohin sie verschwunden sind, wisse man nicht, fügt die junge Libanesin hinzu: "Wir glauben aber, dass viele nach Syrien zurückgegangen sind."

Jene, die von Libanon aus in die Türkei und dann oft weiter nach Europa reisen, halten sich meist nur wenige Stunden im Land auf. "Die Zahl derer, die den Libanon als Transitland benutzen, hat 2015 zugenommen", erklärt Abou Khaled. Trotz der eigentlich geschlossenen Grenzen dürfen sie einreisen, wenn sie ein Anschlussticket per Fähre oder Flugzeug in die Türkei vorweisen können. Von den syrisch-libanesischen Grenzübergängen würden sie dann binnen weniger Stunden direkt zum Hafen in der Küstenstadt Tripoli gebracht, so die UNHCR-Sprecherin. "Laut Schätzungen verlassen mehrere Tausende pro Woche Tripoli auf Fähren in Richtung Türkei." Rund 20 Prozent der vom UNHCR an der syrisch-libanesischen Grenze Befragten hätten dabei angegeben, nach Österreich zu wollen, fügt Abou Khaled hinzu.

Kein Geld für eine Flucht nach Europa

Für jene, die seit Monaten oder Jahren im Libanon leben, bleibt der Weg gegen Westen somit die Ausnahme. Wenn das Geld nicht einmal für genügend Essen ausreicht, die Schulden immer höher werden, bleibt nichts mehr für die Flucht nach Europa. Und legale Wege - wie das von der EU propagierte Resettlement (Umsiedelung) - existieren in der Realität de facto nicht. Lediglich 10.055 Syrer hat das UNHCR zwischen Jänner 2011 und Oktober 2015 aus dem Libanon umgesiedelt, das entspricht gerade einmal 0,6 Prozent der mindestens 1,6 Millionen syrischen Flüchtlinge im Land.

"Die Belastung muss unter allen aufgeteilt werden, es muss mehr Resettlement geben", appelliert Nadija Hafsa vom libanesischen UNHCR-Büro daher an die internationale Gemeinschaft. "Auch Österreich sollte seine Anstrengungen vielleicht ein bisschen vergrößern", fügt sie hinzu. Das freilich scheint momentan wenig wahrscheinlich: Gerade erst hat Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) einen solchen Schritt unter Verweis auf die "Überforderung in Europa", insbesondere auch in Österreich, ausgeschlossen.

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Schlagwörter

Flüchtlinge, Libanon, Syrien, UNHCR

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Dokument erstellt am 2015-12-23 07:44:57
Letzte nderung am 2015-12-23 08:00:19




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