Wien/Graz. Über die neue Tarifstruktur der Wiener Linien verhandeln die Wiener Grünen mit ihrem Koalitionspartner SPÖ noch, aber eines dürfte schon jetzt feststehen: Die Einzeltickets werden ab Herbst teurer, die Jahreskarte wird billiger. Letzteres hat der grüne Klubobmann David Ellensohn erst vor kurzem wieder als "grünes Versprechen" bezeichnet.
Dass die Jahreskarte statt derzeit 449 Euro nur 100 Euro kosten soll, wie das die Grünen noch während des Wahlkampfes gefordert hatten, bleibt allerdings eine Forderung - das wurde bereits seit der Koalitionsvereinbarung von SPÖ und Grünen klargestellt. Realistisch ist hingegen die alte grüne Idee von einem Euro pro Tag - aber eben nicht für einen Fahrschein, sondern als Berechnungsbasis für die Jahreskarte: 365 Euro soll sie kosten, meint man bei den Grünen. Also ungefähr genauso viel wie in Graz ab 1. Juli.
Einzelfahrscheine dürften ab September von 1,80 auf zwei Euro erhöht werden. Dafür sollen Dauerkarten attraktiver gestaltet, und sozial gestaffelt werden - aber das sind nur "Vermutungen", wie Rathaus-Insider betonen.
Erhöhung in Graz fix
In Graz werden bereits fix am 1. Juli die Preise für den öffentlichen Verkehr erhöht - wie seit 2005 jedes Jahr um diese Zeit: Bezahlte man im Vorjahr noch 336 Euro für eine Jahreskarte, so muss man heuer um 16 Euro tiefer in die Tasche greifen, bei einer Halbjahreskarte liegt die Teuerung bei neun Euro. Die vormals 16,80 Euro teure 10-Zonen-Karte wurde auf 17,60 Euro erhöht, die Wochenkarten von 10,70 Euro auf 11,20 Euro und die Monatskarte von 36,40 auf 38,20 Euro. Das entspricht einem durchschnittlichen Anstieg von knapp fünf Prozent. "Und das, obwohl die Inflation im selben Zeitraum um nur 1,3 Prozent gestiegen ist", kritisiert die KPÖ-Graz.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Preiserhöhung für die Studenten: Sie müssen künftig für eine Sechs-Monatskarte rund sieben Euro mehr bezahlen - und das obwohl es 2009 im Landtag einen Mehrheitsbeschluss für eine 50-prozentige Studentenermäßigung gegeben hat.
Auf der anderen Seite seien 100 Millionen Euro für die neuen Variobahnen, ausgegeben worden - die aufgrund ihres Lärmpegels für heftige Kritik aus der Grazer Bevölkerung gesorgt hatten sowie kostspielige Ausbesserungsarbeiten an den Gleisen. Außerdem sind die neuen Straßenbahnen um zehn Zentimeter breiter als die bisherigen. Das Verbreitern der Bahnstrecken und die Korrekturen von Kurvenradien würden zudem noch mehr als 21 Millionen Euro verschlingen.
Teures Gondelprojekt
Trotz Sparkpaket und Tariferhöhungen würde außerdem weiter an kostspieligen Prestigeprojekten festgehalten, beklagen die Grazer Grünen. So belaste ein von Wolfgang Malik, Vorstand der Graz Holding, geplantes Projekt schon länger die schwarz-grüne Koalition in Graz. Konkret geht es um den von ihm angedachten Bau einer Gondel-Seilbahn entlang der Mur. Die etwa neun Kilometer lange Strecke soll direkt durch das Stadtzentrum führen.
Das Projekt würde rund 60 Millionen Euro kosten. Wer diese tragen soll, ist aber noch unklar, meint Peter Hagenauer, Verkehrssprecher der Grazer Grünen. Bisher sei außerdem nur eine Haltestelle an der Hauptbrücke angedacht - eine Vernetzung des öffentlichen Verkehrs sei also nicht gegeben, lautet die Kritik.
Laut Andreas Solymos, Beauftragter für Planungsmanagement und Infrastruktur der Graz Holding, übersteigt bei den öffentlichen Verkehrsmitteln schon heute die Nachfrage das verfügbare Angebot. Bis 2020 rechnet man mit Fahrgastzuwächsen von 30 Prozent. Auf jeden Fall notwendig sei daher eine bessere Anbindung der Außenbezirke an das öffentliche Verkehrsnetz, wie sie in Graz jedoch vielerorts noch nicht vorhanden ist. Dieses Problem kann eine Gondel-Seilbahn freilich nicht lösen.
Visionen für Wien
"Die Finanzierung des Projekts steht hier nicht an erster Stelle", meint Malik in einer Reaktion. Vorerst sei es wichtiger zu prüfen, ob alles technisch machbar ist. Die Kritik versteht Malik nicht, zumal es sich primär um eine Idee handle. "Und ich lasse es mir nicht nehmen solche Ideen zu haben", betonte Malik.
Auch in Wien spricht man von einem Bevölkerungszuwachs von 30 Prozent innerhalb der nächsten 20 Jahre - vor allem im Speckgürtel am Stadtrand. Und in Wien ist es die ÖVP, die viele Ideen für große Projekte hat, die bei der SPÖ allerdings nicht auf viel Gegenliebe stoßen - wie das etwa bei der ÖVP-Forderung nach einer Hauptbahnhof-Anbindung durch eine neue U-Bahn-Linie (U5) der Fall war (die "Wiener Zeitung" hat berichtet).
Diese Woche hat die ÖVP mit Plänen zu U-Bahn-Verlängerungen nach Niederösterreich bis 2029 aufhorchen lassen - Pläne, die im Übrigen von der niederösterreichischen ÖVP unterstützt werden.
Als mögliche Orte für Verlängerungen nannten Wiens ÖVP-Verkehrssprecher Wolfgang Gerstl und der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Lukas Mandl Klosterneuburg (Linie U4), Purkersdorf (Linie U4), Gerasdorf (Linie U1) und Schwechat (Linie U3).
Für die Finanzierung geht man von der bisherigen 50:50-Aufteilung von Bund und Wien aus. Und alles, was auf niederösterreichischem Boden passiert, soll von Niederösterreich mitfinanziert werden. Das wurde auch auf Anfrage vom Büro des niederösterreichischen Verkehrslandesrates Carlo Wilfing bestätigt.