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  • vom 14.04.2012, 21:00 Uhr

Titanic Special

Update: 15.04.2012, 13:00 Uhr

Titanic

Neoliberale Eisberge




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Von Andreas Schindl

  • Zum 100. Mal jährt sich der Untergang der Titanic
  • Schiffsunglück als Metapher für die Finanzkrise.

Die Titanic als Sinnbild – der Lichtkünstler Gerry Hofstetter projiziert zum 100. Jahrestag der Schiffskatastrophe Bilder auf einen gigantischen Eisberg. - © epa/ Michael Kessler/ HO

Die Titanic als Sinnbild – der Lichtkünstler Gerry Hofstetter projiziert zum 100. Jahrestag der Schiffskatastrophe Bilder auf einen gigantischen Eisberg. © epa/ Michael Kessler/ HO

In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 versank das Prachtschiff "Titanic" im arktischen Meer. Heute kann dieser spektakuläre Unfall als lehrreiche Metapher für die aktuelle Finanzkrise dienen.

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Obwohl Gerüchte, wonach Kapitän Edward John Smith oder die White Star Line auf der Jungfernfahrt das blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung gewinnen wollten, widerlegt wurden, gilt als sicher, dass Joseph Bruce Ismay, Geschäftsführer der White Star Line und Passagier an Bord der "Titanic", "seinen" Kapitän dazu gedrängt hatte, die Geschwindigkeit des Schiffes trotz der eingehenden Eiswarnungen nicht zu drosseln und den Kurs beizubehalten. Er wollte einen Tag früher als geplant in New York ankommen.

Wirtschaftlicher Druck

Hintergrund dieses Drängens könnte auch ein erhoffter Werbeeffekt für den geplanten Stapellauf des noch in Bau befindlichen Schwesternschiffes "Gigantic" gewesen sein. Außerdem waren dem Kapitän bei weitem nicht alle Eiswarnungen bekannt, da die Funker, die diese Warnungen entgegengenommen hatten, durch das Senden privater Telegramme der Passagiere überlastet waren.

Jedenfalls scheint der erfahrene Seemann Smith dem Druck wirtschaftlicher Interessen nachgegeben zu haben. Eine Tatsache, die er mit seinem Leben bezahlte. Insofern unterscheidet sich die Katastrophe der Titanic grundlegend von jener der "Costa Concordia", deren übermütiger Kapitän die Lage des gerammten Felsens gekannt hat und überdies als einer der Ersten von Bord ging.

Jedenfalls führte auf der "Titanic" das bei Sichtung des Eisbergs lehrbuchmäßig eingeleitete Ausweichmanöver dazu, dass ihr Rumpf mehrmals gegen den Eisberg prallte und daher insgesamt sechs Lecks unterhalb der Wasserlinie entstanden, wodurch fünf der sechzehn wasserdichten Abteilungen geflutet wurden. Da zudem Wasser über Öffnungen in den Decks eindringen konnte, genügte die extrem kleine Gesamtfläche dieser Lecks von 1,2 m², um das Schiff zum Sinken zu bringen. Bei einem Frontalzusammenstoß wären, wie Computersimulationen ergeben haben, nur die vordersten 30 Meter des Schiffes beschädigt worden und damit maximal in drei Abteilungen Wasser eingedrungen. Die "Titanic" wäre nicht gesunken. Ein Beispiel dafür, dass eine nach geltenden Regeln richtige Entscheidung falsch sein kann.

Auf den Kommandobrücken der Hochfinanz - hier etwa an der Frankfurter Börse - herrscht zuweilen große Ratlosigkeit. Trotzdem gehen die Geschäfte weiter.

Auf den Kommandobrücken der Hochfinanz - hier etwa an der Frankfurter Börse - herrscht zuweilen große Ratlosigkeit. Trotzdem gehen die Geschäfte weiter.© dpa / Frank Rumpenhorst Auf den Kommandobrücken der Hochfinanz - hier etwa an der Frankfurter Börse - herrscht zuweilen große Ratlosigkeit. Trotzdem gehen die Geschäfte weiter.© dpa / Frank Rumpenhorst

Obwohl das Schadensausmaß schnell klar war, ging die Evakuierung des Schiffes zu langsam vonstatten. Dies vor allem deshalb, weil die "Titanic" eben als de facto unsinkbar galt, nach der Kollision kaum Schlagseite hatte und daher das Ausmaß der Gefahr für die Passagiere unklar war. Um Panik zu vermeiden, spielte außerdem das Bordorchester bis zum Untergang.

Die hohe Opferzahl ist auch durch die geringe Anzahl an Rettungsbooten erklärlich. Es gab nur für die Hälfte der an Bord befindlichen Passagiere und Mannschaften genügend Platz. Allerdings war dieser Umstand gesetzeskonform, da sich die Vorschrift über die Anzahl der zur Verfügung stehenden Boote an der Tonnage des Schiffes und nicht an der Passagierzahl orientierte. Erschwerend kam hinzu, dass die Mannschaft im Umgang mit den Booten unerfahren war.

Moral der Mittelklasse
Prozentuell gesehen ertranken vor allem Männer, die in der zweiten (92 Prozent) und in der dritten Klasse (84 Prozent, kein direkter Zugang zum Bootsdeck, schlechte oder keine Englischkenntnisse) gebucht waren, und männliche Besatzungsmitglieder (78 Prozent). Der Umstand, dass Männer der zweiten Klasse die höchste Opferrate unter den Passagieren aufwiesen, wird in einer Studie des Soziologen Henrik Kreutz mit den Moralvorstellungen des Mittelstandes begründet. Noch höhere Opferzahlen gab es bei den Heizern. Sie kamen alle ums Leben.

Angesichts der Faktoren, die zur Tragödie der "Titanic" geführt hatten, drängen sich Parallelen zur derzeitigen Wirtschaftskrise auf, die schon jetzt ähnlich hohe Opferzahlen aufweist wie der Untergang des Luxusdampfers; nach Schätzungen haben sich allein in Griechenland in den vergangenen drei Jahren etwa 800 Menschen aufgrund direkter Auswirkungen der Finanzkrise das Leben genommen.

Diese hatte ihren Ausgang im September 2008 genommen, als die USA mit Lehmann Brothers und anderen spekulierenden Investmentbanken erstmals gegen den Eisberg krachten, von dem, wie das bei Eisbergen so zu sein pflegt, nur der kleinste Teil, die Subprime-Krise nämlich, sichtbar war. Sein weitaus größerer, unter Wasser liegender Teil wird von einer steigenden Anzahl von Menschen in dem am eigenen Reichtum krankenden Kapitalismus gesehen.

Egoistische Grundsätze
Jedenfalls schrammten in weiterer Folge die USA und bald darauf Europa den Eisberg entlang. Seither dringt unaufhörlich Wasser in den Rumpf des Dampfers und die politischen Gegenmaßnahmen greifen ähnlich langsam wie das für ein solches Ausweichmanöver nicht konzipierte Ruder der "Titanic". Obwohl das Wasser in Griechenland, Portugal, Spanien, Ungarn und Italien schon stark gestiegen ist, agieren einige Akteure auf dem schwerfälligen Schiff Europa noch immer nach dem ebenso egoistischen wie törichten Grundsatz: "Das Schiff sinkt auf deiner Seite."

Außerdem zeigt sich jetzt ein Dilemma des vermeintlich geeinten Europas: Wie auf der "Titanic" gibt es (zu) viele Interessen, die aufeinander prallen. Da sind zunächst die Reeder, die das Schiff, die EU nämlich, auf Basis einer Blaupause für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum entworfen und gebaut haben, dann sind da die Finanzkonzerne, die ihnen das Geld dafür geborgt haben, weiters die Passagiere, also die Bürger, die eine gleichzeitig komfortable und sichere Überfahrt wünschen, und schließlich sollte es einen Kapitän, sprich Politiker, geben, der die Verantwortung trägt.

Die Menschen im gesellschaftlichen Zwischen- und Unterdeck sind die Haupt-Leidtragenden der Krise und reagieren darauf mit Zorn (wie hier in Spanien).

Die Menschen im gesellschaftlichen Zwischen- und Unterdeck sind die Haupt-Leidtragenden der Krise und reagieren darauf mit Zorn (wie hier in Spanien).© ap/ dapd / Daniel Ochoa de Olza Die Menschen im gesellschaftlichen Zwischen- und Unterdeck sind die Haupt-Leidtragenden der Krise und reagieren darauf mit Zorn (wie hier in Spanien).© ap/ dapd / Daniel Ochoa de Olza

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Schlagwörter

Titanic, Finanzkrise, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2015
Dokument erstellt am 2012-04-13 10:44:13
Letzte Änderung am 2012-04-15 13:00:13



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