Belfast. Noch bis vor kurzem hätte man hier vergebens nach den Ursprüngen der "Titanic" gefahndet. In Belfast, wo das berühmteste Schiff der Welt vom Stapel lief, lag es im kollektiven Gedächtnis noch tiefer begraben als im Atlantischen Ozean. Kein Zeichen auf dem alten Werftgelände im Hafen verriet, dass der Dampfer an dieser Stelle erdacht, erbaut und beim Stapellauf von hunderttausend Menschen umjubelt worden war. Kein Schild, keine Gedenktafel zeugte von der Aufregung jener Tage. Die Belfaster wollten die "Titanic" und die sie begleitende Katastrophe schlicht vergessen. Und sie wollten auch nicht, dass sich andere an sie erinnerten. "Immer hat man sich in Belfast dieser Sache irgendwie geschämt", meint John Andrews, dessen Großonkel Thomas, der Designer der "Titanic" war und mit seinem Schiff am 15. April 1912 unterging.
So kam es, dass die Stadt noch immer auf Verdrängung schaltete, als längst der Rest der Welt sich vom Schicksal der "Titanic" fasziniert fand und nach mehr verlangte. Selbst nach der Entdeckung des Wracks 1985 hüllte sich Belfast weiter in Schweigen. Erst als James Cameron 1997 seinen Hollywood-Blockbuster "Titanic" in die Kinos brachte, konnte man auch in Belfast die Augen nicht länger verschließen.
Mit einem Mal erwachten Stadtobere, Werftchefs, Hoteliers und Marketing-Leute und nutzten eine ungeahnte Chance. Mit dem Abschütteln der düsteren "Titanic"-Assoziationen konnten sie sich, wer hätte es zu denken gewagt, die profitable "Titanic"-Verbindung zunutze machen. Von einem Symbol schmerzlichen Verlustes sollte die "Titanic" zu einem Symbol neuer Hoffnung werden. Und Hoffnung konnte Belfast brauchen. Nicht nur, weil der Tourismus durch die IRA-Anschläge zu einem Kümmer-Gewerbe geschrumpft war. Sondern weil der Hafen inzwischen weitgehend brachlag. Weil der Schiffsbau so gut wie nicht mehr existierte. Bis heute überlebt Belfast nur durch kräftige Subventionen aus London, jeder vierte Jugendliche ist ohne Job oder Ausbildungsstelle.
Kein Wunder, dass die Regeneration des Hafengebiets im Zeichen der plötzlichen Wiedererinnerung an die "Titanic" so viel an Erwartungen in der Stadt geweckt hat. Queen’s Island, das alte Werftviertel, soll sich als "Titanic Quarter" neu konstituieren. Das just eröffnete 100-Millionen-Pfund-Gebäude "Titanic Belfast", das jährlich mehrere hunderttausend Fans aus aller Welt anziehen möchte, soll "für Belfast werden, was das Guggenheim-Museum für Bilbao war". In dem markanten Bau und um ihn herum wird nun im großen Stil der Blütezeit des Schiffsbaus in Belfast gedacht. Mit Werft-Replikas und modrigen Gerüchen, mit Hammerschlägen, Trockendocks und Titanic-Infotheken soll hier das Leben von vor hundert Jahren auferstehen. Auch ein paar private Initiativen haben die Idee verstanden. In einem Lagerhaus über der Straße versucht ein Verband junger Leute, eine Kantine von 1912 in Szene zu setzen. Hier lässt man sich auf langen Bänken nieder und wird mit Stew und Magermilch bewirtet.
Doch der verzweifelte Versuch einer Neuvermarktung der "Titanic" spaltet derzeit noch deren Geburtsstadt. Nicht nur im (katholischen) Westen Belfasts stößt man auf die beharrliche Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, einen Teil der 100-Millionen-Kosten für "Titanic Belfast" ins angeschlagene Gesundheitswesen zu investieren - statt in ein architektonisches Geisterschiff, das möglicherweise selbst prompt wieder sinken wird. Von all den fantastischen Bebauungsplänen für Queen’s Island haben sich bisher nur wenige umsetzen lassen. Vielen Investoren ist das Geld ausgegangen. Einigermaßen einsam sitzt Belfasts "Guggenheim" derzeit noch in einer Hafeneinöde.