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Update: 27.07.2017, 16:56 Uhr

Kunstgeschichte

Künstlerische Reiselust




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Von Bernhard Widder

  • Die beiden Künstler Herbert Bayer und Sepp Maltan unternahmen 1923 und 1924 eine lange Italienreise. Die Bilder, die sie dort malten, galten lange als verschollen. Jetzt werden sie in Linz ausgestellt.



Ein Bild von unterwegs: Herbert Bayers "Hafenstudie aus Palermo", 1924.

Ein Bild von unterwegs: Herbert Bayers "Hafenstudie aus Palermo", 1924.© Oö. Landesmuseum Linz Ein Bild von unterwegs: Herbert Bayers "Hafenstudie aus Palermo", 1924.© Oö. Landesmuseum Linz

In mehreren Büchern, die über das Werk des Künstlers Herbert Bayer (1900-1985) erschienen sind, wurde eine lange Italien- reise des damaligen Studenten am Bauhaus in Weimar erwähnt, die vom Spätsommer 1923 bis Frühling 1924 dauerte. Diese Reise, die sich abenteuerlich gestaltete und zu künstlerischen Werken führte, unternahm Bayer mit seinem Studienfreund Sepp Maltan (1902-1975), der aus dem oberbayrischen Schönau am Königsee stammte.

In einer eigenen Monografie von 1967 schrieb Bayer dazu: "Der ewigen Sehnsucht nach dem Süden und einer angeborenen Reiselust folgend wanderte ich durch Italien und Sizilien, arbeitete als Anstreicher, zeichnete und malte. Es war ein abenteuerliches Unternehmen, das in mir einen tieferen Eindruck hinterließ als alle meine späteren Reisen." In dem Buch, das Bayer als Pionier des modernen Grafik-Design selbst gestaltet hatte, ist eine einzige grafische Arbeit der langen Reise abgebildet: das Porträt einer Mumie im Kapuzinerkloster von Palermo.

Aber wo befanden sich die anderen Werke, wenn man davon ausgehen konnte, dass die beiden jungen Künstler etwa je 150 Arbeiten (in unterschiedlichen Techniken: Bleistift, Kohle, Tusche, Kreide, Aquarell, wie sich später erweisen sollte) geschaffen hatten? Kein einziges Buch konnte darüber Aufschluss geben.

Zwei Bauhausschüler

Allerdings fand sich in den Darstellungen zu Bayer ein weiterer Hinweis: Nach ihrer Rückkehr aus Italien nach Deutschland gründeten Bayer und Maltan ein gemeinsames "Atelier für Flachmalerei" bei Berchtesgaden. Der sonderbare Name bezeichnete eine Werkstatt für künstlerische Wandmalerei, etwa an den Außenfassaden von Häusern.

Zu dieser Gründung gab es eine Vorgeschichte, die mit dem Studium Maltans und Bayers am Weimarer Bauhaus von 1921 bis 1923 zu tun hatte. Sepp Maltan hatte in Bayern eine Malerlehre absolviert und kam anschließend nach Weimar. Herbert Bayer, aus Oberösterreich stammend, hatte in Linz im Atelier eines Architekten gearbeitet, wo vor allem Grafik-Design betrieben wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Darmstadt gelangte Bayer im Herbst 1921 an das Bauhaus nach Weimar, wo er vom Direktor Walter Gropius aufgenommen wurde. Nach dem "Vorkurs" absolvierten Bayer und Maltan die Abteilung für Wandmalerei, die von Wassily Kandinsky, zeitweise auch von Oskar Schlemmer, geleitet wurde.

Vier Jahre nach der Gründung der "Staatlichen Hochschule Bauhaus" sollte sich die neue Schule, deren modernes Wirken im konservativen Weimar Anfeindungen und Kritik ausgesetzt war, im Jahr 1923 durch eine groß geplante Ausstellung beweisen. Neben anderen Projekten entstanden damals künstlerische Wandmalereien im Gebäude der Schule, das 1907 nach dem Entwurf des belgischen Architekten Henry van de Velde errichtet worden war. Die Wandmalereien der Studenten wurden als Abschlussarbeiten bewertet.

Maltans abstrakte Gestaltung verriet eine Nähe zu Oskar Schlemmers Werk, sie bestand bis 1930 und wurde dann zerstört. Bayers dreiteilige Wandmalerei in einem Nebenstiegenhaus des Gebäudes orientierte sich an der Farbenlehre Kandinskys. Während des NS-Regimes wurden die drei raumhohen Gestaltungen als "entartete Kunst" übermalt, konnten aber 1999 wieder freigelegt und restauriert werden.

Im Sommer 1923 verließen Bayer und Maltan Weimar, reisten zuerst in Maltans Heimatort Schönau. Im September 1923 begann am Brenner-Pass die Reise durch Italien. Bis Ende Oktober wanderten sie durch die Toskana, Um-brien und Latium auf der Route "Via Francigena" (dem alten Frankenweg), hielten sich danach bis Ende Dezember in Rom auf, wo sie ein Kino ausmalten. Von Neapel kamen sie zum Jahreswechsel 1924 mit der Fähre nach Sizilien. Bis Mitte Februar 1924 hielten sie sich im Raum Palermo auf, besuchten historische Orte der Umgebung, etwa den westlich gelegenen griechischen Tempel von Segesta.

Ab Mitte Februar erfolgte die Wanderung nach Osten über Cefalù nach Catania. Über Taormina führte die Rückreise nach Italien: Amalfi, Neapel und Rom bildeten die abschließenden Stationen der Tour. Die Rückfahrt von Rom erfolgte im März 1924 mit dem Zug.

Aber wo waren die Bilder Maltans und Bayers, wenn sie überhaupt überdauert hatten? Was wurde aus dem Atelier für Flachmalerei im Raum Berchtesgaden? Gab es dort unbekannte Wandmalereien von Bayer und Maltan, vielleicht an den Fassaden von Wohnhäusern aus den 1920er Jahren? Das waren mehrere ungeklärte Fragen über die noch junge moderne Malerei der 1920er Jahre, in diesem Fall in Deutschland und Italien, die sich erst 1999 und 2014 auflösen ließen.

Die Italien-Mappe

Im Jahr 1996 beschlossen der Architekt Fritz Schmidmair und ich, gemeinsam das Werk Herbert Bayers als Gestalter von Skulpturen und Landschaften zu erforschen. Diese umfangreiche Werkgruppe entstand vor allem in den USA nach Bayers Emigration nach New York (1938) in den Jahren 1946 bis 1985.

Im Sommer 1999 trafen wir in Denver, Colorado, Bayers Stiefsohn Javan Bayer und dessen Frau Britt, die sich als freundliche Gastgeber erwiesen und unsere Vorhaben zu Bayers Werk ernst nahmen. Javan Bayer unterhielt damals eine eigene Sammlung unter dem Namen "Herbert Bayer Studio". In seinem Haus in Denver zeigte er uns seine Sammlung. Darunter fanden sich mehrere Mappen mit frühen Zeichnungen und Aquarellen seines Stiefvaters, und eine Mappe enthielt eine Anzahl von Werken der "Italienischen Reise".


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-20 17:24:05
Letzte nderung am 2017-07-27 16:56:19



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