
Ein bisschen zittrig war Lars von Trier an diesem Tag schon. Seit "Antichrist" will der dänische Filmemacher seine persönlichen Krisen und Depressionen zwar im Griff haben, aber auch sein neues Werk "Melancholia" wirkt wie eine einzige Aufarbeitung privater Abgründe. Bei der Pressekonferenz in Cannes im Mai 2011 betonte von Trier anfangs gleich: "Ich habe eigentlich zu diesem Film nicht viel zu sagen. Aber danke für die Einladung hierher, das ist eine gute Publicity".
Lars von Trier und sein Umgang mit Journalisten ist legendär. Nur allzu ungern spielt der Däne auf der PR-Orgel, fällt dabei lieber mit markigen Sprüchen auf, die ihm jedes Mal große Medienaufmerksamkeit sichern. So auch dieses Mal: Als man ihn nach der Musik Wagners und der NS-Filmästhetik befragte, meinte er: "Ich dachte lange, ich hätte jüdische Wurzeln, was mir sehr gefallen hätte, bis ich herausfand, dass ich von einer Nazi-Familie abstamme. Auch das mag ich in gewisser Weise. NS-Architekt Albert Speer war zwar nicht der beste Sohn Gottes, aber er hat ein gewisses Talent gehabt".
Anschließend witzelte er über sein Nazi-gleiches Tendieren zu immer größeren Projekten. Dann noch: "Ich kann mich in Hitler hineinversetzen, ich sehe diesen Mann im Bunker". Und: "Ich kann mir sehr gut einen Film mit dem Titel Endlösung vorstellen. Speziell für Journalisten". Da blieb so manchem Journalisten der Mund offen stehen. Und natürlich auch den beiden ebenfalls anwesenden Darstellerinnen seines Films, Charlotte Gainsbourg und Kirsten Dunst, die zusehends bleicher wurden.
"Wie komme ich aus diesem Schlamassel nun wieder raus", fragte sich von Trier. "Gar nicht. Ok, ich bin ein Nazi. Aber ich mag die Juden. Außer die Israelis, die sind ein pain in the ass". Anfang Oktober tauchte aufgrund dieser Aussagen sogar die Polizei bei Lars von Trier auf - mit der Folge, dass der Regisseur verkündete, ab sofort nie mehr Pressekonferenzen, Interviews oder sonstige Statements geben zu wollen.
Sein Statement vom 5. Oktober 2011 im Wortlaut: "Today at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews".
Weltuntergang im Kopf
Kontroversiell wurden nicht nur Lars von Triers Aussagen aufgenommen, sondern auch sein Film. In "Melancholia" erzählt er vordergründig von einem Weltuntergangsszenario: Ein Planet rast auf die Erde zu und droht, mit ihr zu kollidieren. Zugleich beobachtet von Trier die Gefüge bei der Hochzeit der jungen Justine (Kirsten Dunst), einer Frau, die mit großen melancholischen Stimmungsschwankungen leben muss. Durch die Heirat erhofft sie sich eine Stabilisierung ihres Zustands, jedoch tritt das Gegenteil ein. Die Hochzeit wird zum Desaster, nach und nach reisen die Gäste ab, auch, weil Justine weder zum Anschneiden der Hochzeitstorte erscheint, noch zur Hochzeitsnacht mit ihrem Gemahl. In dieser Zeit hat sie lieber Sex mit einem der anderen Hochzeitsgäste.
Zurück im mondänen Landhaus bleiben Justine, ihre Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und deren Mann (Kiefer Sutherland) – während sich der Planet immer mehr der Erde nähert. In dieser Phase fängt sich Justines psychische Lage, sie erstarkt regelrecht im Angesicht des drohenden Untergangs. Dafür verfällt Claire mehr und mehr in Panik, weil sie das Ende der Welt kommen sieht.
"Melancholia" ist kein Science-Fiction-Drama über den Untergang der Welt, sondern wie schon "Antichrist" als persönliche Aufarbeitung der Seelenzustände seines Regisseurs zu lesen. Depressionen können viele Gesichter haben, und Lars von Trier projiziert seine eigenen unterschiedlichen Empfindungen in jede seiner Filmfiguren. Sie alle zeigen von Triers zerrüttetes Seelenleben, das er auf diesem Wege allen offenbart. Es ist, als sei jeder neue Film von Lars von Trier bloß die Aufarbeitung seiner Depressionen. Es sind Filme, die er zum Leben braucht.
Von Trier hat auch schon einen Plan, wie sein nächstes Projekt aussehen soll – diesmal gibt er vor, wieder einmal einen Film für das Publikum und nicht für sich selbst zu machen. "Ich werde einen Porno drehen mit wenig Dialog und viel unerfülltem Sex", sagte er in Cannes. "Auf so was stehen die Frauen".
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