
Nanni Moretti ist nie zimperlich, wenn es um Politik geht: Seit "Ecce Bombo" (1978) ist er in Italien ein Star und landesweit bekannt. Diese Popularität nutzte Moretti stets, um auf politische Missstände in seinem Land aufmerksam zu machen, sei es bei öffentlichen Auftritten oder in seinen Filmen. 2006 drehte er mit "Der Italiener" (Il caimano) eine kritische Abrechnung mit Silvio Berlusconi, der dem politisch links stehenden Filmemacher und Schauspieler seit jeher ein Dorn im Auge ist. Zur Viennale-Premiere seines neuen Films "Habemus Papam" kam Moretti am Wochenende nach Wien, wo er mit der "Wiener Zeitung" über die aktuelle politischen Lage Italiens sprach:
"Wiener Zeitung": Herr Moretti, wie sicher sitzt Silvio Berlusconi noch im Sattel der Macht?
Nanni Moretti: Mir scheint, dass ein Großteil der Italiener bereits sehr müde ist von Berlusconi und seiner Regierung. Die, die ihm aber nahe stehen, erlauben ihm weiterhin, das zu sagen und das zu tun, was er will. In anderen Ländern wäre so ein Zustand undenkbar. Da hätte es nur ein Tausendstel von dem gebraucht, was Berlusconi gesagt und getan hat, damit er nicht nur von der öffentlichen Meinung, sondern sogar von seinen eigenen Parteifreunden zum Rücktritt gezwungen worden wäre.
Wie sehr hat Berlusconi Italien geschadet?
Nanni Moretti: Berlusconi hat Italien definitiv international in eine Krise der Glaubwürdigkeit gestürzt. Zur aktuellen Finanzkrise und der italienischen Situation darin kann ich nichts sagen, denn davon verstehe ich zu wenig. Aber die Glaubwürdigkeitskrise, in der sich Italien befindet, ist Berlusconis Schuld.
Wieso kann sich Berlusconi dann dennoch so lange halten?
Nanni Moretti: Vom Charisma, das ihm einmal attestiert wurde, kann man schon seit Jahren nicht mehr sprechen. Manche sagen, er sein ein großer Kommunikator. Ich weiß nicht, ob das auch der Fall wäre, hätte er nicht seine drei TV-Anstalten, seine Zeitschriften und Zeitungen. Das Problem ist: Seine Mitarbeiter zwingen ihn nicht zum Rücktritt, weil es überhaupt keine neuen Ansätze in der italienischen Politik gibt. Es gibt nur einen Vorsitzenden, nämlich Berlusconi, und kein politisches Projekt dahinter. Berlusconi interessieren nur die eigenen politischen und finanziellen Angelegenheiten. So wird in Italien Politik gemacht.
Sehen Sie ein Ende der Ära Berlusconi?
Nanni Moretti: Ich bin überzeugt: Berlusconi ist als Politiker am Ende. Er hat nichts mehr zu erzählen, nicht einmal mehr seinen eigenen Wählern. Die Ruinen von Berlusconis Politik, die institutionellen, verfassungsethischen und kulturellen Ruinen werden uns allerdings noch jahrelang erhalten bleiben.
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