• vom 12.11.2010, 18:59 Uhr

Österreich


Enormes Medieninteresse bei der Präsentation des rot-grünen Regierungsabkommens im Wiener Rathaus

"Und wo ist jetzt der Bürgermeister?"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Mayr

  • Rot-Grün trat am Freitag erstmals vor den Vorhang.
  • Schicker geht, Vassilakou kommt, Brauner bleibt.
  • Wien. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Eine Phalanx aus Fotografen und Kameraleuten hat sich vor der schweren Holz-Doppeltür am Eingang des Steinsaals aufgebaut. Gekonnt durchgeschlängelt hat sich nur die kleine Maria Vassilakou - die, schon komplett abfotografiert, nun alleine hinter dem Podium wartet. "Wo ist denn jetzt der Bürgermeister hin?", hallt es plötzlich durch den Wald aus Kamera-Gestängen. "Ah, der kommt wie immer von hinten", erwidert eine andere Stimme. Schließlich gesellt sich Michael Häupl nach einem kleinen Händeschüttel-Marathon an die Seite seiner künftigen grünen Vizebürgermeisterin. Und lächelt mit ihr um die Wette.

Belagert von Fotografen: Häupl (rechts) und seine neue Vize Vassilakou am Freitag im Wiener Rathaus. Foto: ap

Belagert von Fotografen: Häupl (rechts) und seine neue Vize Vassilakou am Freitag im Wiener Rathaus. Foto: ap Belagert von Fotografen: Häupl (rechts) und seine neue Vize Vassilakou am Freitag im Wiener Rathaus. Foto: ap

Es ist Freitag, 11 Uhr, im Wiener Rathaus. Vor einer seit dem Amtsantritt von Michael Häupl (1994) nicht mehr dagewesenen Kulisse wird verkündet, was seit Tagen als fix galt, dennoch für enorme Aufmerksamkeit sorgt: Denn eine rot-grüne Koalition in Wien ist eine österreichweite Premiere, mit nicht unwesentlichen möglichen Veränderungen politischer wie gesellschaftlicher Natur.

Werbung

Riesenressort für Grüne

Bei jeder Geste, bei jedem noch breiteren Lächeln, bei jeder nickenden Übereistimmung flammt das Blitzlichtgewitter der Fotografen, die sich nur einen Meter vor dem Podium am Boden niedergelassen haben, mit neuer Heftigkeit auf. Und es gibt viel zu lachen - vor allem für Vassilakou. Denn sie wird nicht nur erste Wiener Vizebürgermeisterin mit Migrationshintergrund, sondern bekommt auch ein Riesenressort mit grünen Profilierungsmöglichkeiten. Sie übernimmt von Rudolf Schicker (er könnte neuer SPÖ-Klubchef werden) das Ressort für Stadtentwicklung und Verkehr - und bekommt mit dem Klimaschutz und Energie noch zusätzliche Agenden zugesprochen. Auch Häupl streicht hervor, dass dieser Posten schon bisher von besonderer Bedeutung war und es in der Zukunft noch mehr werden soll.

Vassilakou freut sich sichtlich gelockert über ihre künftige Aufgabe: "Dieses Ressort bündelt Kernkompetenzen, die es braucht, um konsequenten Klimaschutz zu betreiben." Damit werde eines der grünen Zukunftsthemen, nämlich Klimaschutz zur "Chefsache". "Wir wollen Wien zur führenden Klimaschutz-Metropole machen", kündigt die gebürtige Griechin an. Und in Richtung der eigenen Basis, die den Koalitionspakt am Sonntag noch absegnen muss, streicht sie dessen "grüne Handschrift" hervor, die sich an vielen Bereichen manifestiere.

Schelte für die ÖVP

Vor allem auf die Bereiche Bildung, Soziales und Arbeitsmarkt nehme der rot-grüne Pakt besondere Rücksicht - bei deutlich geringeren Budgetmittel als früher: "Wir müssen mit 1,1 Milliarden Euro weniger Einnahmen auskommen als noch 2008", rechnet Häupl vor. Dennoch einigte sich Rot-Grün auf eine Aufstockung bei der Mindessicherung, den Lehrkräften und will eine sozial ausgewogene Tarifreform bei den Wiener Linien (Details auf Seite 4). Und letztlich war es die Bildung, die Häupl zu den Grünen tendieren ließ: "Wir haben im Individualverkehr unterschiedliche Auffassungen mit den Grünen. Aber ich streite mich lieber mit einer Partei um Straßenkreuzungen als permanent um die Zukunft der Bildung", poltert Häupl Richtung ÖVP. Grüne Alleingänge in den kommenden fünf Jahren will er aber nicht tolerieren - einen koalitionären Freiraum schließt er aus: "Die Grünen sagen immer: Wir sind Meister im Finden von Lösungen, wo es einen Dissens gibt. So wollen wir das halten."

Brauner bleibt Vize

Rot-grünen Dissens gab es etwa zuletzt beim Augarten ob der neuen Sängerknaben-Konzerthalle: Als neue Planungsstadträtin will und kann Vassilakou das bereits in Bau befindliche Projekt nicht aufhalten, aber: "Als eine meiner ersten Aufgaben werde ich alle Beteiligten an einen Tisch holen, um Lösungen für einen Durchgang zu diskutieren."

Personell teilte Häupl eine weitere Entscheidung mit: Neben Vassilakou bleibt Finanzstadträtin Renate Brauner zweite Vize - Wohnbaustadtrat Michael Ludwig verliert damit den Titel wieder. Ungewiss ist, ob damit Häupls Nachfolge vorentschieden ist. Er selber blockt alle Fragen nach einem Rücktritt ab: "Keine Sorge, man wird noch längere Zeit mit meinem Witz leben müssen."

Was Häupl nicht mehr hören kann, sind Fragen nach einer "rot-grünen Ehe": Man hole sich seine emotionale Befriedigung gewiss woanders, bemerkte er süffisant. Diesmal lachte das Publikum.



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-11-12 18:59:00



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Termine, Fristen, Verfahren
  2. Kern startet Video-Serie zu Koalitionsbedingungen
  3. Zwischen Resignation und Pragmatismus
  4. Der Weg für Neuwahlen ist frei
Meistkommentiert
  1. Kern startet Video-Serie zu Koalitionsbedingungen
  2. Der Weg für Neuwahlen ist frei
  3. Zwischen Resignation und Pragmatismus

Werbung




Werbung