Rust. "Durchs Reden kommen dLeut zam." Dieses Sprichwort zieht sich im Moment quasi schon sinngemäß wie ein roter Faden durch das Schalten und Walten der Wiener SPÖ, die sich am Donnerstag im burgenländischen Rust zusammengefunden hat, um zwei Tage lang über die Zukunft Wiens zu reden.

Die rote Veranstaltung steht heuer unter dem Motto "Wien für Alle. Alle für Wien" und hat sich am Donnerstag schwerpunktmäßig unter anderem mit dem Thema des Zusammenlebens in der Stadt beschäftigt. Die Wiener Charta, die bereits am Dienstag zusammen mit dem grünen Koalitionspartner präsentiert wurde, soll dafür einen wichtigen Beitrag leisten - und die Delegierten sollen auch dementsprechend darauf eingeschworen werden. "Es geht ja schließlich auch darum, den Beteiligungsprozess auf die Bezirks- und Grätzl-Ebene zu bringen", meint etwa die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger zur "Wiener Zeitung".
Wie bereits berichtet, soll das rot-grüne Vorhaben wesentliche Grundsätze für ein gutes Zusammenleben in der Stadt festschreiben. Erreicht werden soll das durch sogenannte Charta-Gespräche, an denen sich die gesamte Wiener Bevölkerung beteiligen kann. Zunächst werden Themen über eine Online-Plattform oder über Telefon erfasst. Diese werden dann im Rahmen von Veranstaltungen diskutiert - die von Einzelpersonen, Organisationen oder Unternehmen organisiert werden können. Eigens dafür eingeschulte Moderatoren werden von der Stadt zur Verfügung gestellt. Das fertige Produkt, also die Wiener Charta, soll dann im November präsentiert werden.
Vorschriften im engeren Sinn sind aber nicht geplant: Die Vereinbarung, so wurde betont, werde keine neuen Gesetze enthalten.
Subjektive Sicherheit und gegenseitige Akzeptanz
Eine der Partner-Organisationen, die bereits fix mit an Bord ist, ist der Verein Wirtschaft für Integration. "Wir wollen unser breites Netzwerk nutzen, um möglichst viele Gesprächsgruppen zustande zu bringen", erklärt der Generalsekretär des Vereins, Peter Wesely. Dabei sollen alle Mitglieder zu Charta-Gesprächen eingeladen werden. Stehen Zielgruppe, Zeitrahmen und Ort fest, kommt der von der Stadt Wien bereitgestellter Moderator und begleitet den Prozess.
Dem Themenspektrum sind laut Wesely keine Grenzen gesetzt. "Es kann um Fragen der subjektiven Sicherheit in der Stadt gehen, um gegenseitige Akzeptanz. Aber auch um Alt und Jung, Mann und Frau, oder wie wir unsere Freizeit gestalten. Es geht darum, eine möglichst große Vielfalt an Erfahrungen zu bekommen."
Und die Themen werden bei den Projektmitgliedern von "Sags Multi" - ein vom Verein Wirtschaft für Integration veranstalteter mehrsprachiger Redewettbewerb - anders aussehen als etwa bei der Raiffeisen Landesbank, wo man plant, in den Filialen auch die Kunden zu Charta-Gesprächen einzuladen. "Da sind wir selber schon sehr gespannt, was da rauskommt", erklärt Wesely.
"Wiener Charta soll den Horizont erweitern"
Dass es sich hier um ein sperriges Thema handelt oder um "viel Blabla um nichts", wie das etwa der Klubobmann der Wiener FPÖ, Johann Gudenus, noch am Dienstag behauptet hatte, will der "Charta-Partner" nicht gelten lassen: "Kommunikation und Gespräche immunisieren gegen Vorurteile." Gespräche würden generell dazu führen, dass sich die Menschen öffnen, sagen können, was sie stört, aber auch erfahren, was die anderen stört.
"Beim letzten Redewettbewerb hat eine 18-jährige Schülerin gesagt: Die meisten Menschen haben einen Horizont mit dem Radius null - und das ist ihr Standpunkt. Und ich meine, dass die Wiener Charta es ermöglicht, diesen Radius zu erweitern. Und plötzlich kriegen wir gemeinsame Schnittmengen zusammen", so Wesely. Für Martin Hartmann, Geschäftsführer von Taxi 40100 und Charta-Partner, ist sein Unternehmen ein Vorzeigebeispiel für gelungene Integration. Deshalb will er sich im Zuge der Partner-Gespräche auf das Thema Partnerschaft im Verkehr konzentrieren. "Also um das Zusammenleben von Radfahrern, Fußgängern, Autofahrern und Benutzern öffentlicher Verkehrsmittel."
Hartmann will also verschiedene Bezugsgruppen wie Argus, Arbö, ÖAMTC oder Wiener Linien zu den Charta-Gesprächen einladen, "um vielleicht am Ende des Tages zu einer Mobilitätspartnerschaft zu kommen", so der Taxi-Chef. Aber zuerst muss die Wiener Charta einmal "unters Volk" kommen und die Bezirke und Grätzln erreichen, wie das von Frauenberger gefordert wird. Denn bisher wissen die Wiener noch wenig über - immerhin - eines der größten Bürgerbeteiligungsverfahren in Europa. "Wiener was? Nein, ich weiß nichts davon. Ich kenne nur die Plakate von der SPÖ mit den 10 Geboten des Zusammenlebens. Und ich finde es seltsam, dass so etwas von der SPÖ kommt", meint etwa ein 39-jähriger Angestellter.
"Ich habe zwar noch nichts davon gehört, finde aber, dass das eine sehr gute Idee ist", meint wiederum eine 25-jährige Studentin. "Wie wenn es keine anderen Probleme gäbe", murmelt hingegen ein 52-jähriger Monteur. "Ich kann mir noch nicht viel darunter vorstellen, mir ist das zu abstrakt. Was passiert, wenn der Prozess abgeschlossen ist? Was machen wir dann mit den Regeln, wenn sie nicht bindend sind?", fragt sich eine 33-jährige Fernseh-Redakteurin. Aber wie bereits schon gesagt wurde: "Kommunikation und Gespräche immunisieren gegen Vorurteile."