Budapest. Unser Nachbarland Ungarn ist in den internationalen Medien derzeit eher für Negativ-Schlagzeilen zuständig. Die Kultur war da keine Ausnahme. Die rigide Kulturpolitik der Regierung Viktor Orban, die etwa den Rechtsradikalen György Dörner an die Spitze des Neuen Theaters in Budapest beförderte, stieß europaweit auf Kritik. Dass unterdessen hochinteressante und gleichzeitig hochpolitische Arbeiten entstehen, zeigen zwei Produktionen bei den Wiener Festwochen: Am 17. Mai bringt Kornel Mundruczo seine Version des Romans "Schande" von Nobelpreisträger J.M. Coetzee zur Uraufführung, ab 30. Mai gastiert Arpad Schlling mit dem dritten Teil seiner "Krise"-Trilogie. Die APA besuchte die beiden Regisseure in Budapest.
Ein altes Fabriksgelände an der Peripherie von Buda. Hier probt der Film- und Theaterregisseur Mundruczo mit seinem Ensemble. Es wird gemeinsam gesungen und musiziert, gelegentlich untermalt vom Bellen eines am Bühnenrand dösenden Hundes. Die Bühne scheint mit Gerümpel vollgeräumt, auf zwei Seitenbühnen stehen u.a. altes Operationssaal-Equipment und zerschlissene Sofas. In der Mitte befindet sich ein Geviert mit Erdreich. Das Buch spielt auf einer einsamen Farm in Südafrika. Hierher hat sich eine junge, weiße Frau zurückgezogen, deren Vater, ein des sexuellen Missbrauchs einer Studentin angeklagter Literaturprofessor, zu ihr stößt. Doch statt Frieden zu finden, erlebt er eine Eskalation der Gewalt: Seine Tochter wird von drei schwarzen Eindringlingen vergewaltigt, er selbst kommt bei dem Überfall beinahe ums Leben.
"Mein Konzept ist ganz einfach"
Schon bei dem kurzen Probenbesuch wird rasch klar, dass der 37-jährige Regisseur, von dem in den vergangenen drei Jahren jeweils eine Arbeit bei den Festwochen gezeigt wurde ("Frankenstein-Projekt", "Ljod", "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein"), auch diesmal nicht vor expliziter Gewalt und nackter Haut zurückschrecken wird. "Mein Konzept ist ganz einfach", sagt Mundruczo. "Ich bringe das auf die Bühne, was mit mir passiert ist, als ich das Buch vor sechs Jahren das erste Mal gelesen habe."
In Südafrika war er noch nie - und das sei auch völlig ohne Belang, versichert er. "Es geht nicht so sehr um Südafrika als um die menschliche Existenz und Koexistenz schlechthin." Fragen von Migration und Zusammenleben, Macht und Miteinander, Angst und Veränderung seien derzeit Kernfragen in Europa und speziell in Ungarn. "Die vergangenen acht Jahre waren für uns keine sehr glückliche Periode, wir haben viele Probleme verdrängt. Die letzten zwei Jahre wurde es ziemlich extrem. Aber ich bin Ungar, ich liebe mein Land, und es steht außer Frage, dass ich hierbleiben werde."
Populistische und autoritäre Ausrichtung
Mundruczo ist auch Filmemacher, und den neuen ungarischen Filmfonds, dem zu populistische und autoritäre Ausrichtung vorgeworfen wird, hält er im Ansatz für gar nicht so schlecht. "Er ist offener und transparenter als er vorher war. Schlimmer war, dass zuvor zwei Jahre lang nichts weitergegangen ist." Die "Schande"-Verfilmung von Steve Jacobs mit John Malkovich und Jessica Haines hat er sich bewusst nicht angesehen: "Das ist sicher besser so." Eigene Filmarbeiten sind in Planung. Es gebe ein ungarisches und ein internationales Drehbuch, erzählt Mundruczo. "Wir werden sehen." Das wichtigste sei, seine Unabhängigkeit bewahren zu können - dabei helfen internationale Theater-Koproduktionen wie mit den Wiener Festwochen gewaltig: "Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich keine Fernseharbeiten oder Werbespots machen muss, um mich über Wasser zu halten."
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