Zuerst drei klamme Proleten, die den zinsgierigen Hausbesitzer abmurksen. Dann ein kleinbürgerliches Heim, wo Großmutter ihren Lebensplatz räumt, weil keines der Kinder sie mehr pflegen mag. Teil drei schließlich bei Schön, Reich & Kriminell die Vorbereitungen zum Fest, mit dem nach Landesbrauch am 15. Geburtstag die Tochter in die Gesellschaft eingeführt wird. Höhepunkt des Initiationsrituals: Die Kindfrau bekommt die ersten Stöckelschuhe.
In diesen drei Höhenlagen setzt der Kolumbianer Jorge Hugo Marín als Autor und Regisseur sozialkritische Sonden in seiner Trilogie "Familienangelegenheiten". Mit ihr endet, nach zweimal Argentinien und einmal Chile, stets persönliche Wundschmerzberichte nach politischer Repression und gescheiterten Revolten, das Festwochen-Randfestival mit neuem Autorentheater aus Lateinamerika im weltweit üblichsten Rollenspiel: der TV-Sitcom mit ihrem stetig neu Atem holenden Sprüchegeknatter.
Das Palais Kabelwerk, Kulturhaus inmitten eines architektonisch beachtlichen Agglomerats sozialen Wohnbaus gleichen Namens, schuf Platz für drei Bühnen. Zwei davon in Theatersälen. Doch in die Wohnwelt der streitenden Brüder und Schwägerinnen guckt man von einer Tribüne unter freiem Himmel. Derweil entsorgen die Wohnbürger den Hausmüll, grüßt ein WC-Teppich von einem Fenster herunter, knallt ein Fußball auf den Asphalt, irrt ein Blumenbote von einer versperrten Hochhaustür zur nächsten. Bei so viel lebenswahrer Ablenkung ermüdet der soziale Jammer hinter den ebenerdigen Riesenscheiben bis zum jähen Ende: Mutterls Leiche wird, in einen Teppich gehüllt, von brüllenden Herren ins Freie abgeschleppt; die überforderte Hausfrau tauscht ein Kinderporträt an der Wand gegen ein Schriftbild. Im Coke-Markendesign ist darauf das Wort "Columbra" gemalt. Ein Mix aus Columbia und Umbra (Schatten). Eine sehr kleine Idee.
Stückschlüsse sind Maríns Stärke nicht. In seinen schwarzen Farcen zieht er die Reißleine - so wie in der Sitcom ein Applaus-Tusch die Sitzung und Sendung beendet. Doch darauf ist kein Verlass: Kaum hat sich das Publikum begeistert ausgeklatscht nach den Wut- und Tränenausbrüchen der Kostüm- und Walzerprobe im rosa Festsaaldekor, nach Charme-und-Trotz-Eskapaden von Oberschichtkindern und Mutterstolz-Explosionen – da fängt das Fest erst wirklich an. Jetzt, nach drei Stunden durch folkloristisch wilde Gewaltszenen aufgeschäumtes Familien-Palaver, wird das Publikum zu Trank und Tanz gebeten.
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