• vom 31.05.2012, 16:46 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 06.05.2013, 15:29 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Zielgruppentheater für und mit jungen Ungarn

Heilige Aufklärung


Von Hans Haider

JungamateurInnen trainieren: Theater wider den provinziellen Kleingeist. - © Máté Tóth Ridovics/Krétakör

JungamateurInnen trainieren: Theater wider den provinziellen Kleingeist. © Máté Tóth Ridovics/Krétakör

Árpád Schilling, geboren 1974, baute sein Theater "Krétakör" (Kreidekreis) zu Ungarns wichtigster freier Gruppe auf. Rasch wurde er im europäischen Festivalkreisel rundum geschickt. Im Burg-Kasino inszenierte er mit nur drei Schauspielern "Hamlet", im Burg-Vestibül gastierte er mit einer Tschechow-Mini-"Möwe". Zwei Jahre vor dem Machtwechsel in Ungarn, 2008, verließ er seinen Erfolgsweg. Der Staat hielt ihn nicht zurück, gab ihm kein eigenes Haus. Mit EU-Förderung begann er Zielgruppen-Theater mit und für Jugendliche. Als Theaterpädagogin beackerte auch seine Frau Lilla Sárosdi Konfliktfelder: Not der Alten besonders am Lande, autoritäre Erziehung, Hass auf Zigeuner, Landflucht, Elend der Waisenkinder.

Werbung

Im Jahr der ungarischen EU-Präsidentschaft 2011 vereinte Schilling in der Trilogie "Krízis - Krise" soziale Befunde anhand dreier miteinander verknüpfter Einzelschicksale. Nur Teil 3, "Die Priesterin", mit 4 Schauspielern und 14 Kindern um die 14, luden die Festwochen ins Museumsquartier. Bei der Premiere füllten Kinder aus Vorzeigeschulen die Ränge und zelebrierten Solidarität mit den Gleichaltrigen.

Kinderhölle auf dem Land
Eine Theaterpädagogin wagt sich in die tiefe Provinz mit der aufklärerischen Zuversicht, dort alten Brauch zu zerstören - vom Drill des Turnlehrers bis zur Macht des Ortspfarrers über Kinderseelen. Die frustrierten Kollegen im Lehrerzimmer sehen in ihr privilegierte Konkurrenz. Im finalen Streit verflucht sie den Pfarrer und den Gott ihrer Klassengemeinschaft. Sie muss fliehen.

Ihr Scheitern, aber auch kindliche Zuneigung, Dankbarkeit und bleibender Nutzen sind vor dem Hintergrund des Dorfmilieus in Interviews filmisch dokumentiert. Anfangs stehen Schüler in einer Linie, dann heißt es einen Schritt vor, wer gute Noten hat, Vater und Mutter daheim, in die Kirche geht, ans Meer fährt und so weiter. So zeigt sich Ungleichheit bildhaft. Artig trainierten JungamateurInnen, was auf der Leinwand schon Vergangenheit ist. Einmal liegen sie auf dem Boden und suchen stumm für sich Antworten auf Fragen, die ihnen die Lehrerin zuraunt: Ich fühle mich wohl, wenn . . . Das Wichtigste für mich ist . . . Ich fühle mich schlecht, wenn ich . . . Mein größter Traum im Leben ist . . .

So befragte man sich in Selbsterfahrungsgruppen im Westen schon 40, 50 Jahre. Ob eine Verkaufstour durch das Ausland Feuer sozialen Engagements eher löscht als entfacht, wäre eine neue Frage.

Theater
Krízis III: A papnö
Halle G im Museumsquartier
Wh.: 31. Mai, 1. Juni




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-31 16:53:12
Letzte Änderung am 2013-05-06 15:29:31


Beliebte Inhalte



Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes
  • "La Vie d’Adèle" ist der eindeutige Palmen-Favorit.
  • weiter

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon
  • Interview über die miserable Situation von Frauen, die Vorhersehbarkeit von Pop - und das neue Album "Tales Of A GrassWidow".
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter




Werbung





Die Casady-Schwestern alias CocoRosie

Wie nennt man diese Musik?

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon Bei der Begegnung mit CocoRosie war dem Autor dieser Zeilen fast zumute wie im STS-Hit "Fürstenfeld" dem Steirerbua angesichts eines Szene-Girls im... weiter




Kahn Galleries der Albertina

Ein Kind der Apokalypse

Bandagierte Köpfe und Kinder in der Rolle von Opfern sind Markenzeichen Gottfried Helnweins, der in "The Disasters of War 7" die Gräuel des Krieges anklagt. - Sammlung Christian Baha/VBK An Gottfried Helnwein schieden sich schon in Wien um 1970/80 die Geister: Manche, wie Rudolf Hausner, der ihn als seinen Nachfolger an der Akademie... weiter




Wagners Ring an einem Abend an der Volksoper Wien

Wagnerwucht mit Stopps zum Schmunzeln

20130524DER RING DER NIBELUNGEN - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200... weiter




Am Sonntag werden bei den Filmfestspielen in Cannes die Preise vergeben

Hollywood gegen Realität

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes Cannes. Niemals passiert es, dass das Wettbewerbsprogramm eines Filmfestivals ausschließlich exzellente Filme vereint... weiter





Werbung