Árpád Schilling, geboren 1974, baute sein Theater "Krétakör" (Kreidekreis) zu Ungarns wichtigster freier Gruppe auf. Rasch wurde er im europäischen Festivalkreisel rundum geschickt. Im Burg-Kasino inszenierte er mit nur drei Schauspielern "Hamlet", im Burg-Vestibül gastierte er mit einer Tschechow-Mini-"Möwe". Zwei Jahre vor dem Machtwechsel in Ungarn, 2008, verließ er seinen Erfolgsweg. Der Staat hielt ihn nicht zurück, gab ihm kein eigenes Haus. Mit EU-Förderung begann er Zielgruppen-Theater mit und für Jugendliche. Als Theaterpädagogin beackerte auch seine Frau Lilla Sárosdi Konfliktfelder: Not der Alten besonders am Lande, autoritäre Erziehung, Hass auf Zigeuner, Landflucht, Elend der Waisenkinder.
Im Jahr der ungarischen EU-Präsidentschaft 2011 vereinte Schilling in der Trilogie "Krízis - Krise" soziale Befunde anhand dreier miteinander verknüpfter Einzelschicksale. Nur Teil 3, "Die Priesterin", mit 4 Schauspielern und 14 Kindern um die 14, luden die Festwochen ins Museumsquartier. Bei der Premiere füllten Kinder aus Vorzeigeschulen die Ränge und zelebrierten Solidarität mit den Gleichaltrigen.
Kinderhölle auf dem Land
Eine Theaterpädagogin wagt sich in die tiefe Provinz mit der aufklärerischen Zuversicht, dort alten Brauch zu zerstören - vom Drill des Turnlehrers bis zur Macht des Ortspfarrers über Kinderseelen. Die frustrierten Kollegen im Lehrerzimmer sehen in ihr privilegierte Konkurrenz. Im finalen Streit verflucht sie den Pfarrer und den Gott ihrer Klassengemeinschaft. Sie muss fliehen.
Ihr Scheitern, aber auch kindliche Zuneigung, Dankbarkeit und bleibender Nutzen sind vor dem Hintergrund des Dorfmilieus in Interviews filmisch dokumentiert. Anfangs stehen Schüler in einer Linie, dann heißt es einen Schritt vor, wer gute Noten hat, Vater und Mutter daheim, in die Kirche geht, ans Meer fährt und so weiter. So zeigt sich Ungleichheit bildhaft. Artig trainierten JungamateurInnen, was auf der Leinwand schon Vergangenheit ist. Einmal liegen sie auf dem Boden und suchen stumm für sich Antworten auf Fragen, die ihnen die Lehrerin zuraunt: Ich fühle mich wohl, wenn . . . Das Wichtigste für mich ist . . . Ich fühle mich schlecht, wenn ich . . . Mein größter Traum im Leben ist . . .
So befragte man sich in Selbsterfahrungsgruppen im Westen schon 40, 50 Jahre. Ob eine Verkaufstour durch das Ausland Feuer sozialen Engagements eher löscht als entfacht, wäre eine neue Frage.
Theater
Krízis III: A papnö
Halle G im Museumsquartier
Wh.: 31. Mai, 1. Juni
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