
Mit einem Satz sprechen sich die Figuren Mut zu, bevor sie sich den Gefahren dieses Theaterabends aussetzen, er ist Schlacht- und Weckruf: "Feigheit ist die größte Sünde." Geradezu überirdische Courage benötigt das 16-köpfige Ensemble denn auch, schließlich nimmt es den Kampf mit Teufeln und Hexen, Stalin und Pontius Pilatus auf. Simon McBurneys Inszenierung von Michail Bulgakows Literaturklassiker "Der Meister und Margarita" gastierte am Wochenende im Rahmen der Festwochen im Burgtheater - und entfachte ein mehr als dreistündiges Spektakel ersten Ranges.
"Der Meister und Margarita", zwischen 1926 und 1940 verfasst und erstmals in den 1970er Jahren, mehr als 30 Jahre nach dem Tod des Autors, in unzensurierter Form veröffentlicht, zählt zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Der russische Schriftsteller belebt darin das Faust-Motiv auf groteske Weise: Satan und sein Gefolge besuchen das Moskau der 1930er Jahre und fallen über die von Stalin paralysierten Kleingeister wie ein Heuschreckenschwarm her.
Teuflischer Terror
Von den Angriffen, mit denen Beelzebub die Sowjetmetropole terrorisiert, bleiben einzig der Meister (ein ins Irrenhaus eingelieferter Dichter, in dem sich Bulgakows Selbstporträt erkennen lässt) und dessen Geliebte Margarita verschont. Der Text ist nicht nur eine Satire auf das Dahinvegetieren im Moskau jener Zeit, sondern entwirft in einem weiteren Handlungsstrang auch eine fantastische Zeitreise: Der Roman verhandelt jene Tage im Leben des römischen Prokurators Pontius Pilatus, als dieser Jesus von Nazareth verurteilen soll.
Den überbordenden Stoff bewältigt Regisseur Simon McBurney mittels eines visuell brillanten Bilderreigens. Ähnlich wie der kanadische Theatermacher Robert Lepage arbeitet auch der Brite McBurney mit ausgeklügelten Videoprojektionen und wenigen Requisiten, die auf der weitgehend leer geräumten Bühne optische Sensationen am laufenden Band erzeugen.
Der Bühnenhintergrund ist eine raumfüllende Leinwand, man sieht darauf etwa Ansichten von Moskau in Form einer Art Google-Earth-Großaufnahme, Häuserfronten können jederzeit mit Karacho einstürzen, surrende Fliegenschwärme suggerieren Folter und Pein, eine Blutspur erzählt von Tod und Untergang.
Das Bühnenbild lässt sich per Knopfdruck verändern, permanente Ortswechsel und Zeitsprünge werden so mit Leichtigkeit durchgeführt. Aber nicht nur ausgeklügelte High-Tech-Effekte, auch traditionelle Theatermittel gelangen zum Einsatz: Die Illusion eines Geköpften wird beispielsweise dadurch erzeugt, dass einem Schauspieler vor schwarzem Bühnenhintergrund ein schwarzes Tuch über den Kopf gestülpt wird.
Man lernt: Die 1983 gegründete Tournee-Truppe Complicite von Theatermacher McBurney besteht nicht nur aus technikaffinen Illusionisten, sie überzeugt im klassischen Theaterspiel auch durch präzises Zusammenwirken.
Paul Rhys Darbietung in der Doppelrolle als Meister und Teufel ist überwältigend, er stellt einen eloquent-eleganten Luzifer dar, der den Pferdefuß mit Spazierstock kaschiert. In seinem Mund steckt ein silberner Zahnschutz, deswegen spricht er wohl auch so, als hätte er einen Sprachfehler, was seiner erratischen Erscheinung nur noch mehr Eleganz verleiht. Sinéad Matthews besticht als Margarita ebenfalls durch einfühlsames Spiel. In einer langen Szene als Ballkönigin während der Walpurgisnacht tritt sie nackt auf - und dominiert souverän den Exzess.
Im Lauf des Abends kristallisiert sich zunehmend heraus, dass nicht nur Mut, sondern auch Mitgefühl zentrale Parameter in Simon McBurneys Sicht der Welt sind. "Feigheit ist die größte Sünde." Kein schlechtes Mantra für die krisengeplagte Gegenwart.
Theater
The Master and Margarita
Von Michail Bulgakow
Simon McBurney (Regie)
Festwochen/Burgtheater
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