• vom 04.06.2012, 16:04 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 06.05.2013, 15:30 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Nachlese 2012

Bulgakow-Inszenierung: Feigheit als größte Sünde


Von Petra Rathmanner

  • Simon McBurneys Bulgakow-Inszenierung "The Master and Margarita" im Burgtheater

"Feigheit ist die größte Sünde": Paul Rhys und Sinéad Matthews als Meister und Margarita.

"Feigheit ist die größte Sünde": Paul Rhys und Sinéad Matthews als Meister und Margarita.© Robbie Jack "Feigheit ist die größte Sünde": Paul Rhys und Sinéad Matthews als Meister und Margarita.© Robbie Jack

Mit einem Satz sprechen sich die Figuren Mut zu, bevor sie sich den Gefahren dieses Theaterabends aussetzen, er ist Schlacht- und Weckruf: "Feigheit ist die größte Sünde." Geradezu überirdische Courage benötigt das 16-köpfige Ensemble denn auch, schließlich nimmt es den Kampf mit Teufeln und Hexen, Stalin und Pontius Pilatus auf. Simon McBurneys Inszenierung von Michail Bulgakows Literaturklassiker "Der Meister und Margarita" gastierte am Wochenende im Rahmen der Festwochen im Burgtheater - und entfachte ein mehr als dreistündiges Spektakel ersten Ranges.

Werbung

"Der Meister und Margarita", zwischen 1926 und 1940 verfasst und erstmals in den 1970er Jahren, mehr als 30 Jahre nach dem Tod des Autors, in unzensurierter Form veröffentlicht, zählt zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Der russische Schriftsteller belebt darin das Faust-Motiv auf groteske Weise: Satan und sein Gefolge besuchen das Moskau der 1930er Jahre und fallen über die von Stalin paralysierten Kleingeister wie ein Heuschreckenschwarm her.

Teuflischer Terror
Von den Angriffen, mit denen Beelzebub die Sowjetmetropole terrorisiert, bleiben einzig der Meister (ein ins Irrenhaus eingelieferter Dichter, in dem sich Bulgakows Selbstporträt erkennen lässt) und dessen Geliebte Margarita verschont. Der Text ist nicht nur eine Satire auf das Dahinvegetieren im Moskau jener Zeit, sondern entwirft in einem weiteren Handlungsstrang auch eine fantastische Zeitreise: Der Roman verhandelt jene Tage im Leben des römischen Prokurators Pontius Pilatus, als dieser Jesus von Nazareth verurteilen soll.

Den überbordenden Stoff bewältigt Regisseur Simon McBurney mittels eines visuell brillanten Bilderreigens. Ähnlich wie der kanadische Theatermacher Robert Lepage arbeitet auch der Brite McBurney mit ausgeklügelten Videoprojektionen und wenigen Requisiten, die auf der weitgehend leer geräumten Bühne optische Sensationen am laufenden Band erzeugen.

Der Bühnenhintergrund ist eine raumfüllende Leinwand, man sieht darauf etwa Ansichten von Moskau in Form einer Art Google-Earth-Großaufnahme, Häuserfronten können jederzeit mit Karacho einstürzen, surrende Fliegenschwärme suggerieren Folter und Pein, eine Blutspur erzählt von Tod und Untergang.

Das Bühnenbild lässt sich per Knopfdruck verändern, permanente Ortswechsel und Zeitsprünge werden so mit Leichtigkeit durchgeführt. Aber nicht nur ausgeklügelte High-Tech-Effekte, auch traditionelle Theatermittel gelangen zum Einsatz: Die Illusion eines Geköpften wird beispielsweise dadurch erzeugt, dass einem Schauspieler vor schwarzem Bühnenhintergrund ein schwarzes Tuch über den Kopf gestülpt wird.

Man lernt: Die 1983 gegründete Tournee-Truppe Complicite von Theatermacher McBurney besteht nicht nur aus technikaffinen Illusionisten, sie überzeugt im klassischen Theaterspiel auch durch präzises Zusammenwirken.

Paul Rhys Darbietung in der Doppelrolle als Meister und Teufel ist überwältigend, er stellt einen eloquent-eleganten Luzifer dar, der den Pferdefuß mit Spazierstock kaschiert. In seinem Mund steckt ein silberner Zahnschutz, deswegen spricht er wohl auch so, als hätte er einen Sprachfehler, was seiner erratischen Erscheinung nur noch mehr Eleganz verleiht. Sinéad Matthews besticht als Margarita ebenfalls durch einfühlsames Spiel. In einer langen Szene als Ballkönigin während der Walpurgisnacht tritt sie nackt auf - und dominiert souverän den Exzess.

Im Lauf des Abends kristallisiert sich zunehmend heraus, dass nicht nur Mut, sondern auch Mitgefühl zentrale Parameter in Simon McBurneys Sicht der Welt sind. "Feigheit ist die größte Sünde." Kein schlechtes Mantra für die krisengeplagte Gegenwart.

Theater
The Master and Margarita
Von Michail Bulgakow
Simon McBurney (Regie)
Festwochen/Burgtheater




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-04 16:11:10
Letzte Änderung am 2013-05-06 15:30:55


Beliebte Inhalte



Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

Für große Namen hat Intendant Alexander Pereira (l.) - hier mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf - ein Faible. Aus dem Programm für den Sommer 2014 wird er dennoch manche streichen müssen. - apa/Barbara Gindl
  • Nach Kompromiss im Budgetstreit werden Pläne für 2014 publik, Prestigeprojekte werden nicht gestrichen.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter




Werbung





Die Casady-Schwestern alias CocoRosie

Wie nennt man diese Musik?

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon Bei der Begegnung mit CocoRosie war dem Autor dieser Zeilen fast zumute wie im STS-Hit "Fürstenfeld" dem Steirerbua angesichts eines Szene-Girls im... weiter




Kahn Galleries der Albertina

Ein Kind der Apokalypse

Bandagierte Köpfe und Kinder in der Rolle von Opfern sind Markenzeichen Gottfried Helnweins, der in "The Disasters of War 7" die Gräuel des Krieges anklagt. - Sammlung Christian Baha/VBK An Gottfried Helnwein schieden sich schon in Wien um 1970/80 die Geister: Manche, wie Rudolf Hausner, der ihn als seinen Nachfolger an der Akademie... weiter




Wagners Ring an einem Abend an der Volksoper Wien

Wagnerwucht mit Stopps zum Schmunzeln

20130524DER RING DER NIBELUNGEN - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200... weiter




Am Sonntag werden bei den Filmfestspielen in Cannes die Preise vergeben

Hollywood gegen Realität

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes Cannes. Niemals passiert es, dass das Wettbewerbsprogramm eines Filmfestivals ausschließlich exzellente Filme vereint... weiter





Werbung