• vom 30.05.2017, 16:16 Uhr

Wiener Festwochen


Theaterkritik

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Von Petra Paterno

  • Robert Misik geht mit "Agora" unter die Theatermacher: eine Diskurs-Performance zur Demokratie.

In welcher Welt wollen wir leben? Publizist Robert Misik stellt in der Diskurs-Performance "Agora" Grundsatzfragen.

In welcher Welt wollen wir leben? Publizist Robert Misik stellt in der Diskurs-Performance "Agora" Grundsatzfragen.© Luca Fuchs In welcher Welt wollen wir leben? Publizist Robert Misik stellt in der Diskurs-Performance "Agora" Grundsatzfragen.© Luca Fuchs

Am Anfang von "Agora" steht die Publikumsbeschimpfung. In einer Art Prolog ziehen drei Schauspieler in grauen Anzügen über die Politikverdrossenheit her. Am Ende kommt im Epilog die Binsenweisheit, dass man sich mehr für die Demokratie einsetzen müsse. Dazwischen liegen mehr als zwei Stunden - ja, was eigentlich? Für einen Theaterabend nimmt das ganze Unternehmen zu wenig Form an, für eine Diskussionsveranstaltung liefert es zu wenig Inhalt. Was ist los?

Robert Misik, linker Intellektueller, Autor zahlreicher Politbücher, Videoblogger und Leiter eines Thinktanks des Bruno-Kreisky-Forums, ist bekannt dafür, dass er sozialen Bewegungen auf der Spur ist. Nun nimmt der 51-jährige Wiener für das Theaterprojekt "Agora", eine Koproduktion zwischen Schauspielhaus und Wiener Festwochen, die Demokratie ins Visier. Der Titel bezeichnet einen antiken Markt- und Versammlungsplatz, jenen Ort, an dem die Demokratie der griechischen Polis ihren Ursprung hat.

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Notwendige Utopie
Gewiss, das Thema ist virulent. Der Riss durch die Gesellschaft, bedingt durch Umverteilung nach oben und Sparzwang nach unten, die allgemeine Umbruch- und Krisenstimmung, der Aufschwung rechtspopulistischer Kräfte lassen an der Demokratie zweifeln. Ist die Staatsform in Gefahr? Wie könnte ein neues Koordinatensystem für das Gesellschaftsexperiment EU aussehen? Und: In welcher Welt wollen wir leben? Derlei Grundsatzfragen will das ambitionierte Unternehmen "Agora" verhandeln. Nach einem kurzen Einführungsvortrag des Historikers Philipp Blom, der für den Erhalt der Demokratie als "notwendige und machbare Utopie" plädiert, stellt Misik das Podium vor: August Ruhs, Psychiater und Psychoanalytiker, fungiert als Mediator, neben ihm sitzt der ehemalige BZÖ-Politiker und PR-Berater Stefan Petzner. Am gegenüberliegenden Tisch nehmen am Premierenabend die französische Politologin und Philosophin Chantal Mouffe Platz sowie der "Krone"-Redakteur Claus Pándi und Möstafa Noori, der Afghane gelangte als jugendlicher unbegleiteter Flüchtling nach Österreich.

Viel Palaver
Die Gäste wechseln bei jeder Aufführung. Gleich bleibt indes die Grundidee des Abends: Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wobei die Gäste keine Reden halten, vielmehr ist das Publikum eingeladen, sich mit Statements und Fragen einzubringen. Dieser Ansatz ist die Achillesferse des Projekts. Nach anfänglichem Zögern wird das Rednerpult in der Bühnenmitte regelrecht gestürmt. Zunehmend wird die Bühne zu einer Plattform für Selbstdarsteller, die geäußerten Meinungen sind mitunter etwas hanebüchen und hausbacken, erwartungsgemäß müssen vor allem "Krone"-Journalist Pándi und der ehemalige BZÖ-Politiker Petzner Kritik einstecken.

Zumindest bei der Premiere läuft alles bald aus dem Ruder. Wegen reger Publikumsbeteiligung kommen die Gäste kaum zu Wort. Auch Gastgeber Misik hält sich erstaunlich zurück, vermag den wilden Redefluss nicht zu strukturieren. Inhaltliche Leerläufe bleiben unausweichlich. Einmal vergleicht Misik die Demokratie mit dem Stromnetz: "Solange sie funktioniert, nehmen wir sie für selbstverständlich, nur wenn sie einmal ausfällt, kommt es zur Katastrophe." An diesem Abend ist das schon ein intellektueller Höhepunkt.

diskurs

Agora

Schauspielhaus, Wh.: 31. Mai, 7., 10., 11., 13., 14. Juni




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Theaterkritik

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Dokument erstellt am 2017-05-30 16:20:09




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