• vom 01.06.2017, 16:56 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 01.06.2017, 17:03 Uhr

Theaterkritik

Des Teufels Rechnung




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Von Petra Paterno

  • Wiener Festwochen goes Hollywood: Schauspielstar Jude Law brilliert in "Obsession".

Gefährliche Liebschaften: Halina Reijn und Jude Law in Ivo van Hoves Inszenierung.

Gefährliche Liebschaften: Halina Reijn und Jude Law in Ivo van Hoves Inszenierung.© Jan Versweyveld Gefährliche Liebschaften: Halina Reijn und Jude Law in Ivo van Hoves Inszenierung.© Jan Versweyveld

Jude Law klemmt sich das Instrument zwischen die Lippen, spielt eine Melodie in Moll und macht sich betont nachlässig auf Richtung Bühne. Er steckt in einem abgewetzten Anzug, trägt durchgelaufene Schuhe, bläst in die hosentaschengroße Mundharmonika, klassisches Requisit der Vagabunden und Tagediebe. Obwohl er sich erstaunlich zurückhält, zieht er dennoch alle Blicke auf sich, fast als wäre dies ein Naturgesetz.

Der britische Hollywood-Akteur ist der Trumpf in Ivo van Hoves Inszenierung von "Obsession", die im Rahmen der Wiener Festwochen in der weitläufigen Halle E des Museumsquartiers gastiert. Auch wenn die Dramatisierung des gleichnamigen Visconti-Films nicht unbedingt zu den stärksten van-Hove-Inszenierungen zählt (2015 verblüfft der belgische Theatermacher mit "Kings of War", einer eiskalten Neuinterpretation von Shakespeares York-Trilogie) - im diesjährigen Festwochen-Programm, das weitgehend ohne Star-Glamour auskommt, sticht die hochkarätig besetzte Theaterarbeit dennoch klar hervor.

Information

Obsession
Ivo van Hove (Regie)
Mit Jude Law, Halina Reijn u.a.
Halle E, Museumsquartier
Wh.: 2. und 3. Juni

Ambivalente Leidenschaft

Law erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen. Ob mit T-Shirt, Unterhemd, entblößtem Oberkörper: Law stellt den getriebenen Outlaw Gino glaubhaft dar, der sich haltlos in eine gefährliche Liebschaft mit Hanna stürzt. Der Zusammenprall von Law mit seiner vor allem in den Niederlanden bekannten Schauspielkollegin Halina Reijn fühlt sich an wie ein absichtsvoll herbeigeführtes Unglück, das die beiden unaufhaltsam in den Untergang stürzt.

Mit "Obsessione" ("Besessenheit") debütierte Luchino Visconti 1942 als Regisseur. Der melodramatische Kriminalfilm begründete nicht nur seinen Ruhm als Filmemacher, sondern rief auch einen neuen Stil ins Leben - den italienischen Neorealismus. In der kühlen Wiener Inszenierung ist von italienischem Kleinstadtflair nichts mehr übrig. Jan Versweyvelds dunkelgraue Bühne ist ein abstrakter Spielraum, der an die triste Bar in Edward Hoppers Bild "Nachtschwärmer" erinnert.

Viscontis "Obsessione" wiederum war eine freihändige Auslegung von James Caines Roman "Wenn der Postmann zweimal klingelt" von 1934. Der nur 100 Seiten lange Krimi wurde vielfach verfilmt, diente 1981 auch als Vorlage für den Spielfilm von US-Regisseur Bob Rafelson mit Jessica Lange und Jack Nicholson - samt legendärer Sexszene auf mehlbestäubtem Küchentisch. In der Bühnenfassung von Ivo van Hove vergnügen sich Law und Reijn auf dem Tresen, die Gesichter in Großaufnahme auf den Bühnenhintergrund projiziert. Technik trifft Theater trifft Tresen. Äußerst effektvoll.

Caines Novelle ist im Amerika der Depressionszeit angesiedelt. Gewalt und Hoffnungslosigkeit regieren. Dieser Grundton der Erzählung wird beim Wien-Gastspiel ohne Reibungsverlust in die Gegenwart transportiert. Der Regisseur verhandelt die Geschichte direkt und unverblümt, vermeidet szenisches Ornament, große Gesten: Ein Mann (Law) tötet seinen Rivalen (Gijs Scholten van Aschat), um mit dessen Frau (Reijn) zusammen zu sein. Die neu gewonnene Freiheit des Mörderpaars besteht aus Streiten und Saufen, Treuebruch und Liebesverrat: "Der Teufel kam auf seine Rechnung", heißt es bei Caine. Ein letztes Wiedersehen endet mit ihrem Tod, seinem Gang in die lebenslange Einkerkerung. Viel Drama in knapp 100 Minuten Spielzeit.

Die nüchterne Studie einer erotischen Obsession arbeitet sich zugleich an konträren Lebensmodellen ab: Sesshaftigkeit versus Nomadentum; Familie versus Bohème; Vernunft versus Leidenschaft. Und verdeutlicht wie nebenher die Ambivalenz der Leidenschaft: Man ersehnt bedingungsloses Begehren - und fürchtet es zugleich.

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Dokument erstellt am 2017-06-01 17:00:11
Letzte Änderung am 2017-06-01 17:03:40




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