• vom 05.06.2017, 16:29 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 06.06.2017, 11:41 Uhr

Opernkritik

Sternstunde des Stümpertums




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Von Christoph Irrgeher

  • Sinnfrei, planlos und spannungsarm: Die Festwochen erreichten mit Jonathan Meeses "Parsifal" einen weiteren Tiefpunkt.

Nein, das ist kein Hitler-Gruß: Vulkanier bei ihrer rituellen Grals-Enthüllung.

Nein, das ist kein Hitler-Gruß: Vulkanier bei ihrer rituellen Grals-Enthüllung.© Jan Bauer Nein, das ist kein Hitler-Gruß: Vulkanier bei ihrer rituellen Grals-Enthüllung.© Jan Bauer

Würde jener Herr Klingsor, den man am Sonntag kennengelernt hat, sein Leben niederschreiben, das letzte Kapitel klänge womöglich so. "Liebes Tagesbuch! Wie ich gehört habe, will mir wieder jemand den heiligen Speer stehlen. Der Mann heißt Zed und hat 1974 den Helden in dem Science-Fiction-Film ‚Zardoz‘ gespielt. Ich habe gleich Gegenmaßnahmen ergriffen. An sich bin ich ja mit meiner Truppe Manga Girls gut aufgestellt. In dem Fall bin ich aber auf Nummer sicher gegangen und habe die Barbarella gerufen. Die hat den Zed dann auch gleich so irre gemacht mit ihren Reizen, dass er gar nicht mehr nach dem Speer gefragt hat, sondern wie ein Verrückter um meine Stelzen-Hütte gerannt ist! Ich bin dann gemütlich reingegangen und habe Sex mit dem Teddybären gehabt. Den habe ich danach mit einem Band stranguliert und aus dem Fenster gehaut. Ja, das war böse. Ich habe dann eh versucht, ihn wiederzubeleben. Mit Herzmassage. Ging aber nicht. Danach habe ich mir einen Mistkübel aufgesetzt. Und ich habe Klopapier in den Mund genommen und es weit aus dem Fenster hängen lassen. Schon komisch: Wie sich wohl so ein Klopapierhalter fühlt?! Plötzlich hat es dann gebrannt. Ich bin raus und mit dem Zed in einem Kanu weggefahren."

Bergeweise Nonsens

Information

Oper
Mondparsifal Alpha 1-8
Von Bernhard Lang und Jonathan Meese; Wh.: 6. und 8. Juni, Theater an der Wien

Natürlich sind das nicht die Erlebnisse jenes Klingsor, den man aus Richard Wagners "Parsifal" kennt. Dessen Werk hat seit Sonntag einen zeitgenössischen Namensvetter. "Mondparsifal" heißt er und wurde von den Wiener Festwochen beauftragt. Bernhard Lang lieferte Text und Musik, Ausstattung und Regie kamen von Jonathan Meese. Der hatte dafür einiges im Talon. Der Skandalkünstler, den man für seine Hitlergrüße von der Bühne kennt, war 2012 von Bayreuth mit der Inszenierung eines Wagner-"Parsifals" betraut worden. Einige Eklats später wurde ihm der Auftrag aber wieder entzogen. Bayreuth hat gut daran getan. Seit Sonntag weiß man, welche Wagenladungen Nonsens sich der Grüne Hügel erspart hat. Sie prangen nun im Theater an der Wien.

Meeses Alleinstellungsmerkmal ist weniger sein Werk als eine bestimmte Weltsicht. Der Mann, der Leinwände mit Kringeln bemalt, Trivial-Literatur mit Blockbuchstaben bekritzelt und dabei eine Vorliebe für das Wort "Erz" und halblustige Wortspiele bekundet – "(H)erzblut" oder "Dr. Mabusen" –, ist in erster Linie der Propagandist seines eigenen Kosmos. In krauser Fortführung des Gedankens, das Leben solle sich mit der Kunst vereinen, fordert er die Ablösung der Demokratie durch die "Diktatur Kunst". Diesen Begriff lässt er aber so offen, dass damit kein Staat zu machen ist, schon gar kein totalitärer. "Kunst = Barbarella", "Kunst = Barbapapa", dekretiert er auf Zetteln, die man derzeit im Kunsthistorischen Museum sehen kann.

Was für Meese sonst noch alles Kunst ist, lehren jetzt vier Opernstunden. Es gibt da einen Richard Wagner, der in einem Vorratsschrank mit viel Wurst verschwindet; einen Ritterorden aus wuscheligen Vulkaniern; einen Amfortas, der auf einem elektrischen Stuhl daherrollt und nicht an einer Wunde, sondern einer Spirale – auweh, sie dreht sich! – leidet. Die Gralsenthüllung geschieht in Gegenwart eines Raumschiffs (Pardon: "Raumsiff") und eines Sponge Bobs vom Schnürboden; die Vulkanier tragen dazu Eisernes Kreuz, zeigen aber eh keinen Hitlergruß, weil sie beide Arme heben. Zed-Parsifal verlustiert sich dazu in einem Glaskobel an einer Holzpuppe. "Weißt du, was du sahst?", fragt ihn Gurnemanz danach mit Wagners Worten. Tja, eher nicht.

Stimmt zwar: Meese öffnet Assoziationsräume. Was seine Trash-Bastelei aber mit Wagners "reinem Tor" zu tun hat, der einen siechen Ritterorden erlöst, bleibt ein Mysterium. Die Versatzstücke dieses Mond-Mumpitz’ schweben jedenfalls auf so banalen wie beliebigen Bahnen. Genauso gut hätte man Parsifal als Errol Flynn auftreten lassen können, Kundry als Gundel Gaukeley und Klingsor als Zwetschkenfleck.

Wiederholungs-Tick

Hinzu kommt ein völliges Unvermögen als Regisseur. Meeses Debüt in dem Fach gerät zur Performance, die den Darstellern vier Stunden lang infantilen Zappelzwang verordnet. Lieber nochmals in den Schritt greifen, lieber Spielzeugpistolengeballer als Stillstand! Könnte man hier nicht auch eine Geschichte ("Parsifal") erzählen?

Schon, aber die kratzt keinen. Auch nicht Komponist Lang. Er lässt seinem liebsten Stilmittel freien Lauf und das Klangforum Wien (Leitung: Simone Young) durch Taktwiederholungen wie eine springende Schallplatte klingen – ein Schicksal, das auch die (weitgehend von Wagner übernommenen) Worte ereilt. Daniel Gloger (Parsifal), Magdalena Anna Hofmann, Wolfgang Bankl und Tómas Tómasson liefern die gleichen Sätze also wieder, wieder, wieder und wieder ab. Zwar hat es anfangs Charme, dass Lang stilistisch an Wagners Klang andockt und diesen mit Dissonanzen und greinenden Streichern trübt; die Methode nützt sich im Verlauf der vier eher symphonischen als musikdramatischen Stunden aber ab, und der später einsetzende Schema-F-Swing beschert (abgesehen von einem Saxofonsolo Gerald Preinfalks) keine gehaltvolle Abwechslung. Am Ende setzt es seltsamerweise deutlich mehr Bravorufe als Buhs. Meese grimassiert dazu, zappelt und salutiert vor der "Chefsache Kunst". Parsifal – ein schlechter SchErz.







Schlagwörter

Opernkritik, Uraufführung

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-05 16:33:11
Letzte nderung am 2017-06-06 11:41:46




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