• vom 15.06.2017, 16:28 Uhr

Wiener Festwochen


Festwochenbilanz

Sex, Sause und Simmering




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Von Christina Böck

  • Es gab sie: im Kunsttheoriejargon-Dickicht versteckte Schätze der Festwochen.

Eine unerwartete Freude: " All the sex I’ve ever had".

Eine unerwartete Freude: " All the sex I’ve ever had".© Lucia Eggenhofer Eine unerwartete Freude: " All the sex I’ve ever had".© Lucia Eggenhofer

Man erkannte sich untereinander: Menschen, die hinter banalen Alltagserscheinungen tückisch camouflierte "Festwochen"-Projekte vermuteten und die spontan Gender-Sternchen an zufällige Wörter hängten (also Gendersternch*innen) - sie alle hatten das Festwochenprogramm verinnerlicht.

Man muss da ehrlich sein: Verstanden hatten die wenigsten, was die "neuen" Festwochen vorhatten. Umso erbaulicher, wenn man im Blindflug durch ein kunstjargonverschleiertes Programm ein paar Schätze heben konnte. Allen voran die entzückende Produktion "All the sex I‘ve ever had" des kanadischen Kollektivs Mammalian Diving Reflex. Sechs Menschen in ihren 70ern erzählten auf einem Podium nicht mehr, aber auch nicht weniger als ihr Leben. Diese Laiendarsteller waren kongenial ausgewählt, die Masse an Geschichten packend kondensiert, die Balance zwischen Tragik und Komik mühelos. Ein Abend, der bezauberte, selten hat wohl eine Festwochen-Produktion ein so familiär-gelöstes, heiter-berührtes Publikum entlassen.


So mancher scheiterte auch am Titel der Ausstellung "The Conundrum of Imagination". Und doch kann sie als einer der raren Höhepunkte des Festivals gelten. Denn ihr gelingt es, die im restlichen Programm mitunter zu bemühte Ansammlung von Theorie, Sozialkritik und Geschichtsaufarbeitung unter einen Hut zu bringen. Unter einen Hut, der nicht aus Flickwerk besteht. (Noch bis Sonntag in Leopold Museum und Performeum.)

Auch "Hyperreality" machte Festwochen-Traditionalisten im Vorfeld Sorgen. Die mehrtägige Clubkultur-Sause schien sich an jenes Publikum zu richten, das Intendant Tomas Zierhofer-Kin beim Donaufestival in Krems gut bedient hatte. Doch ein Donaufestival gibt es noch, warum eine Version davon in den Festwochen integrieren? Sind die Festwochen nicht Festival genug? Bilanzierend lässt sich die Clubreihe freilich keineswegs in die "Feuilletonne" klopfen. Zumindest nicht vollständig: Der mit internationalen Vorschusslorbeeren versehene Konzertreigen hatte durchwachsene Auslastung und Besetzung, aber großteils begeisterte das Event - vor allem die Location. Für die Kulturnutzung entdeckt hat das Simmeringer Schloß Neugebäude Zierhofer-Kin freilich nicht - da gibt es bereits seit einigen Jahren allsommerliches Freiluftkino. Heuer ab 30. Juni.




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Dokument erstellt am 2017-06-15 16:32:08




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