• vom 15.06.2017, 16:33 Uhr

Wiener Festwochen

Update: 15.06.2017, 16:41 Uhr

Theaterkritik

Entstehen und Vergehen




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Von Christina Böck

  • Das Paradies ist weg: "Lady Eats Apple" bei den Festwochen.

"Ich nenne es Baum": Schöpfung à la "Lady Eats Apple".

"Ich nenne es Baum": Schöpfung à la "Lady Eats Apple".© Wagner-Strauss "Ich nenne es Baum": Schöpfung à la "Lady Eats Apple".© Wagner-Strauss

Wer sich "Lady Eats Apple" im Theater an der Wien anschauen will, der muss erst geboren werden. Was so logisch klingt, hat bei der Festwochen-Produktion des australischen Back to Back Theatres auch eine ganz praktische Komponente. Denn hier muss man durch eine Art aufblasbaren Geburtskanal, der auch ein bisschen an das Calypso-Lachkabinett im Prater erinnert, klettern, um in den Zuschauerraum zu gelangen. Der ist keineswegs der herkömmliche Publikumsraum des Theaters an der Wien, sondern eigentlich die Bühne - was sich aber erst im dritten Teil des Abends definitiv erhärten soll.

Es beginnt damit, womit alles beginnt: mit der Schöpfung. Gott gibt den Tieren Namen. Sein Mentor hält ihm Zettel hin, er sagt "Elch", "Eichhörnchen" oder "Goldbauchschnäpper", und das entsprechende Tier ist zu sehen. Gott hat manchmal Schwierigkeiten, einen Namen auf Anhieb herauszubringen. Er wird, wie fast alle hier, von "Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung" dargestellt. Er erschafft noch den Menschen ("Nach meinem Abbild. Nur ein bisschen kleiner.") und versucht Mann und Frau sodann zu erklären, dass sie nicht die folgenreiche Frucht essen sollen. Inklusive politisch unkorrektem Humor, wenn er sagt: "Sie sind leider nicht sehr intelligent." Wer die Frucht isst, muss sterben - oder wer von Gott mit der Handpistole ("Peng") erschossen wird.


Nach dieser Erkenntnis fällt zum ersten Mal die Stoffkuppel, die über die Bühne gespannt ist, nach der Vertreibung aus dem Paradies stürzt sozusagen der Himmel ein. Das Sterben steht folgerichtig im Mittelpunkt des zweiten Akts, in dem Tonbandaufnahmen von Menschen gespielt werden, die ihre Nahtoderfahrungen schildern.

Alles irgendwie ungerecht
Es ist jetzt fast ganz dunkel im Raum, Musik, die sich aus Beatmungsrauschen und Herztonpiepsen speist, begleitet die Berichte, auf die Kuppel werden Frequenzlinien und Wolken projiziert. Als die Todesschilderungen auch schon fast paradiesisch werden, stürzt der Himmel wieder ein. Und gibt den Blick frei auf gar Prosaisches: ein Putztrupp, der in der Galerie des Theaters zugange ist. Hier wird sehr Alltägliches besprochen - wenn auch aus der Perspektive Behinderter: eine Beförderung wird verweigert, ein Dienstauto darf nicht gefahren werden. Alles aus vernünftigen Gründen - und doch irgendwie ungerecht. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, ungeachtet der Ermahnung, dass eine solche Affäre unangebracht sei. Schließlich wird der Mentor Gottes aus Akt eins gefunden - er liegt immer noch am Boden. Die Versuche, ihm zu helfen, sind erratisch - und versinnbildlichen, wie untauglich wir alle, ob mit oder ohne Behinderung, im Angesicht des Todes sind.

Diese 75 Minuten sind optisch beeindruckend, durch die Übertragung von Dialog bis Schweißabwischen über Kopfhörer recht intim und durch das Spiel dieser etwas anderen Truppe horizonterweiternd. Es ist aber auch ein trefflich rätselhafter Theaterabend.

Theater

Lady Eats Apple

Festwochen, Theater an der Wien

bis 18. Juni




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-15 16:38:11
Letzte Änderung am 2017-06-15 16:41:04




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