• vom 26.03.2013, 17:08 Uhr

Wunder

Update: 26.03.2013, 17:32 Uhr

Staunen

Der Zusammenhang aller Dinge




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Von Manisha Jothady

  • Sie bildeten den Grundstein heutiger Museen: die Kunst- und Wunderkammern der frühen Neuzeit
  • In Zeiten des Informationsüberflusses hat das Staunen wieder Konjunktur.

Wunderkammer heute: Mark Dions "Sea Life" zeigt Fabelwesen, die bei einem genauen Blick eine andere Identität enthüllen.

Wunderkammer heute: Mark Dions "Sea Life" zeigt Fabelwesen, die bei einem genauen Blick eine andere Identität enthüllen.© Kargl Fine Arts Wunderkammer heute: Mark Dions "Sea Life" zeigt Fabelwesen, die bei einem genauen Blick eine andere Identität enthüllen.© Kargl Fine Arts

In einem Kapitel seiner 1702 erschienenen Aufsatzsammlung "Amusements serious and comical" wirft der britische Satiriker Thomas Brown einen unschmeichelhaften Blick auf das Sammlertum seiner Zeit. Gemeinsam mit seinem Begleiter, einem Indianer - der symbolisch wohl für sämtliche Ureinwohner der damals mehr oder weniger erforschten Regionen steht - durchstreift er Londons Kollektionen, die voll von kuriosen Dingen sind. Im Verlauf der Handlung spotten die beiden über die vielfältigen, ihnen sinnlos erscheinende Exponate, unter denen sich auch angeblich Heilkräftiges wie Taubengallen, Austernohren, Spinnenhirne und die Eckzähne fliegender Kröten befinden. Browns Seitenhieb zielt ganz offensichtlich auf den Arzt und Physiker Sir Hans Sloane (1660-1753), der seinerzeit vor allem als Sammler exotischer Tier- und Pflanzenarten bekannt war. Auch zahlreiche Alltagsgegenstände sowie Kunsthandwerk aus Nord- und Südamerika, dem karibischen Raum, aus Lappland, Sibirien und Indien zierten dessen Sammlung. Gerne soll er Einblick in sie gewährt haben.

Sammeln als Leidenschaft

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Durch die Entdeckungsfahrten des 15. bis 18. Jahrhunderts gelangten unzählige Objekte von der Neuen in die Alte Welt. Dort wurden sie den adeligen, geistlichen und bürgerlichen Sammlungen einverleibt, wo sie dann in unmittelbarer Nachbarschaft zu etablierten europäischen Kunsterzeugnissen sowie diversen naturkundlichen und technischen Gegenständen bestaunt werden konnten - ein Erlebnis, in dessen Genuss oft nur Auserwählte kamen. Sloanes Sammlung bildete übrigens einen wichtigen Grundstock für das älteste Museum der Welt: das British Museum, das am 15. Jänner 1759 seine Tore "für alle wissbegierigen und neugierigen Personen" öffnete.

Mit der damit in Gang gesetzten Entwicklung, der Gründung von Museen in sämtlichen europäischen Hauptstädten und Residenzen, zerfiel allmählich das, was einst zusammengedacht und präsentiert wurde, in die uns heute bekannten Spezialsammlungen und Spartenmuseen. Denn die Leidenschaft des Sammelns verband sich ursprünglich nicht mit dem Bestreben nach systematischer Ordnung im heutigen Sinn. Die sogenannten Kunst- und Wunderkammern der frühen Neuzeit folgten dem damaligen Weltverständnis vom universellen Zusammenhang aller Dinge.

Die ausgestellten Stücke wurden zwar als Naturalia (Naturprodukte), Artificialia (zu Kunsthandwerk verarbeitete Naturalia), Mirabilia (nie zuvor Gesehenes aber auch besonders fein Verarbeitetes), Exotica (ethnografische Zeugnisse) und Scientifica (technische Geräte und Apparaturen) klassifiziert, in den Wunderkammern selbst fanden sie sich jedoch im korrespondierenden Miteinander vereint: antike Fundstücke, Gemälde, Silber- und Goldschmiedearbeiten, darunter die so beliebten Nautiluspokale, kunstvoll verarbeitete oder naturbelassene Korallen, Perlen, Muscheln, Straußeneier, Rhinozeroshörner, Kokosnüsse und Bergkristalle neben Tierpräparaten, Narwalzähnen als Beleg für die Existenz von Einhörnern, mathematisch-physikalischen, astronomischen sowie chirurgischen Instrumenten und mitunter sogar neben Zeugnissen menschlicher wie tierischer Missbildungen. All das in einem Raum versammelt, machte die Kunst- und Wunderkammern zu Mikrokosmen des Staunens.

Bereits für das 14. Jahrhundert finden sich vereinzelt Belege für Kunst- und Wunderkammern, die zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert ihre Hochblüte hatten. Der Begriff selbst taucht erstmals in der Familienchronik der schwäbischen Herren von Zimmern (Zimmerische Chronik, 1546-1566) auf. Die Nennung von Kunst und Wunder in einem Atemzug, in der sich nicht zuletzt die alles-in-allem-einschließende Sicht auf die Welt widerspiegelt, reicht bis in die gegenwärtige Fachliteratur hinein. Dabei darf man sich diese Sammlungen nicht als starre Gebilde vorstellen, die alle demselben Schema folgten. Je nach historischen Voraussetzungen und abhängig von den Vorlieben und Interessen der jeweiligen Besitzer, fanden sich in den Kunst- und Wunderkammern unterschiedlicher Zeiten und Regionen ebenso viele verschiedene Schwerpunktsetzungen.

Von Korallen, vor allem roten Korallen, war zum Beispiel der Tiroler Landesfürsten Ferdinand II. (1529-1595) besonders angetan. Deren Farben und Formen verzückten ihn ebenso wie deren angebliche psychisch heilende Wirkung. Dass er diese Geschenke des Meeres mehr schätzte als die "Saliera" Benvenuto Cellinis, kann nur vermutet werden. Das weltberühmte Salzfass, das seit 1. März das Herzstück der neu aufgestellten Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums bildet, stammt nämlich ebenfalls aus seiner Sammlung auf Schloss Ambras bei Innsbruck. Erst im 19. Jahrhundert übersiedelte es von dort nach Wien.

Wie es in der einen oder anderen Kunst- und Wunderkammern ausgesehen hat, lässt sich heute nur noch dank einiger schriftlicher Zeugnisse erahnen. Wenige von ihnen, darunter die in Ambras, haben sich in entschlackter Version erhalten. Mancherorts war man darum bemüht, ihre ursprüngliche Atmosphäre zu rekonstruieren.

Bildungsauftrag: Verzücken

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-03-26 14:41:04
Letzte Änderung am 2013-03-26 17:32:20



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