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Als Georg Franz Kolschitzky im Jahr 1683 als Belohnung für die Rettung Wiens vor den Türken nur Säcke mit braunen Bohnen wollte, stieß er damit allseits auf Unverständnis. Doch er wusste genau, was er tat: Auf seinen Reisen in die Türkei hatte er erstmals Kaffee kennen gelernt, und er wollte diesem Getränk auch hierzulande zum Durchbruch verhelfen.
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Von der Eröffnung des ersten Kaffeehauses "Zur blauen Flasche" in der Hauptstadt des damaligen Kaiserreiches bis heute hat diese urwienerische Institution Kriege, Seuchen und Hungersnöte miterlebt - und sie hat alles überstanden. Doch derzeit steht den Kaffeehäusern eine erneute "Krise" ins Haus, die für einige das "Aus" bedeuten könnte.
Die Ersatzlösung für die Getränkesteuer sieht vor, den Mehrwertsteuersatz bei Aufgussgetränken (Kaffee, Kakao und Schokolade) von 10 auf 20% und bei Speisen von 10 auf 14% zu erhöhen. Das sei eine massive Bedrohung der Branche, sagt Hans Diglas, Kaffeesieder aus Passion und ehemaliger Fachgruppenvorsteher der Kaffeehaus-Betreiber, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er habe nichts gegen Sparmaßnahmen, um das Budgetloch zu stopfen, doch in gesellschaftspolitisch richtiger Richtung. Denn durch die neue Regelung wären Diskotheken oder Bierbeisln, die hauptsächlich alkoholische Getränke ausschenken, die großen Gewinner. Das laufe aber gegen die herrschenden Gesundheits- und Verkehrspolitik, die Alkohol ganz oben auf ihren "schwarzen Listen" hätten.
Der Mehrpreis im Kaffeehaus sei durch den Service bedingt. Die "Veredelung durch Lohnarbeit" bedeute also eine versteckte Erhöhung der Lohnnebenkosten - ein Effekt, der eigentlich heftigst vermieden werden sollte. Doch bei den Kunden sei die Preis-Schmerzgrenze für Melange und Kipferl ausgereizt, er, Diglas, könne die Preise nicht mehr erhöhen. Den Mehraufwand müsse daher das Unternehmen tragen, was für einige das Ende bedeuten könnte. Die jährliche Steuermehrbelastung betrage bei Leitbetrieben künftig 600.000 Schilling, bei kleineren Kaffee-Konditoreien 70.000 Schilling, da 80% des Umsatzes mit Aufgussgetränken gemacht würden. Die rund 2.600 Betriebe, davon etwa 180 klassische Kaffeehäuser in Wien, beschäftigen durchschnittlich drei bis fünf Angestellte.
Doch die neue Steuerregelung sei nur ein Grund für das immer wieder zitierte Kaffeehaussterben. Ein gut geführter Betrieb in einer guten Lage erziele auch durchschnittlich gute Erträge, allerdings mache sich immer mehr ein "Übergabeproblem" breit. Große Ketten seien bereit, große Summen für ein Lokal in guter Lage zu bezahlen, die sich ein kleiner Betreiber niemals leisten könnte. Als Beispiel nannte Diglas das Café Haag, das von der US-Kette Pizza Hut gekauft und umgewandelt wurde. Damit sei ein echter Traditionsbetrieb für immer zerstört worden, meinte er wehmütig.
Doch allen Unkenrufen zum Trotz hat das Kaffeehaus - besonders in Wien - eine große Bedeutung: "Wo sonst bietet sich ein authentisches Erleben der Stadt, wo sonst kann ein Tourist am wahren Leben der Wiener teilhaben, wenn nicht im Kaffeehaus?", fragt sich Diglas. Er sieht es als "soziale Einrichtung", denn hier werde Demokratie gelebt, jeder könne daran teilhaben und das Kaffeehaus stehe jeder sozialen Schicht offen, vorausgesetzt, sie hält sich an bestimmte Regeln. Alt und Jung könnten friedlich nebeneinander sitzen, und die Touristen seien ebenfalls ein Teil des Ganzen. Das hätten auch die Wien-Werber erkannt: Das Sujet werde verstärkt eingesetzt und musikalische Veranstaltungen im Kaffeehaus seien "wahre Renner".
Um als Kaffeehaus weiterhin "am Leben zu bleiben", sei Kreativität gefragt, meinte Diglas. Neben dem Bewußtsein, eine Tradition aufrecht zu erhalten, müsse auch dem Personal größtes Augenmerk geschenkt werden. Deshalb will Diglas wieder Lehrlinge ausbilden, um von Anfang an die Grundlagen des Geschäftes, nämlich Freundlichkeit und Höflichkeit, zu vermitteln. Schließlich könne man einen Kaffeehauskunden auch dann nicht hinauswerfen, wenn er bei einer Melange vier Stunden Zeitung lese, denn das sei hierzulande eben üblich.
Tröstlicher Diglas-Nachsatz für alle Kaffeehausliebhaber: "Wenn man ins Kaffeehaus verliebt ist, ist es eine Sache von Bestand."
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